← Alle Länder
🇰🇷
Wer hätte das gedacht?

Korea

Kleine, überraschende Geschichten aus dem Alltag

Keine Sehenswürdigkeiten, keine Tipps für den perfekten Tag. Nur Dinge, die mir im koreanischen Alltag auffielen – und die eine Frage auslösten, der ich dann nachgegangen bin. Manchmal führt ein Schluck Kaffee tiefer in ein Land hinein als jeder Palast. ☕

☕ Der Kaffee 💦 Der Wassernebel 🌙 Der Mond & der Hase 🎂 Das Alter 🐶 Die Hunde 👵 Die Großmütter ⚖️ Die Frauen 🧔 Die Männer 🎓 Der Ehrgeiz 🌑 Die Kehrseite 💆 Die Schönheit ✝️ Die roten Kreuze 🕊️ Der Glaube 🔮 Die Schamanen 🐛 Der Engerling 🚦 Der Verkehr 🎥 Überwachung 🔌 Der Kabelsalat 🩸 Die Blutgruppen 🐟 Die Fische 🍞 Das Frühstück 👟 Die Schuhe 🚇 Die U-Bahn ♨️ Das Jjimjilbang 💛 Die Freundlichkeit
☕ Kaffee

Wie kam der Kaffee nach Korea – und warum röstet hier jede zweite Ecke ihren eigenen?

Café-Latte mit feiner Latte-Art auf einem grünen Tablett in einem Café in Korea
Ein Café-Moment in Korea – Kaffee, der mit Sorgfalt gemacht ist.

Ich war auf ein Teeland eingestellt. Stattdessen komme ich kaum einen Häuserblock weit, ohne an einer kleinen Rösterei vorbeizukommen, in der jemand höchst ernsthaft grüne Bohnen in einer glänzenden Trommel dreht. Der Duft ist überall. Für ein Land, bei dem ich an Grüntee und Zeremonien dachte, ist das ein erstaunlich gutes Problem.

Korea trinkt Kaffee. Und zwar nicht nebenbei. Seoul gehört zu den Städten mit der höchsten Café-Dichte der Welt – an manchen Kreuzungen stehen sich gleich mehrere gegenüber, und erstaunlich viele sind keine Ketten, sondern winzige, eigenwillige Läden, die ihre Bohnen selbst rösten. Wie kommt eine jahrhundertealte Teekultur zu dieser Leidenschaft für das schwarze Gegenteil?

Die Legende hat sogar einen König. Erzählt wird, dass Gojong, Koreas letzter König und erster Kaiser, 1896 auf der Flucht vor der japanischen Bedrohung Zuflucht in der russischen Gesandtschaft suchte – und dort seine erste Tasse Kaffee bekam. Angeblich war er sofort verliebt. Zurück im Palast ließ er sich einen kleinen westlichen Pavillon bauen, in dem er täglich Kaffee trank. Eine schöne Geschichte. Ganz stimmt sie vermutlich nicht: Schon in den 1880er-Jahren wurde am Hof ausländischen Gästen Kaffee serviert, ein amerikanischer Besucher beschrieb das Getränk 1883 als seltene Köstlichkeit. Gojong war also kaum der Erste – aber er war offenbar der begeistertste, und das hat sich in die Erinnerung des Landes eingebrannt.

Die Koreaner hatten anfangs keinen eigenen Namen dafür. Sie nannten es gabae – oder spöttisch yangtang-guk, „westliche Suppe". Eine bittere braune Brühe, die die Fremden tranken. Aus dieser Neugier wuchs im 20. Jahrhundert die Dabang-Kultur: Kaffeehäuser, die weit mehr waren als Orte zum Trinken. In den Dabangs traf man sich, verhandelte, dichtete, verliebte sich. Sie waren die Wohnzimmer einer Gesellschaft, die enge Wohnungen und wenig öffentlichen Raum hatte.

Dann kam der Krieg – und mit den amerikanischen Soldaten der Instantkaffee. Korea entwickelte eine geradezu zärtliche Beziehung zu dem löslichen Pulver und erfand 1976 etwas zutiefst Koreanisches: den „Coffee Mix", das kleine Stäbchen, in dem Kaffee, Zucker und Milchpulver schon fertig gemischt sind. Bis heute steht in fast jedem Büro, jedem Tempel, jeder Wohnung eine Schachtel davon. Süß, schnell, verlässlich.

Ein Maxim Coffee-Mix-Stäbchen aus Korea auf einem Notizbuch
Der Klassiker für zwischendurch: ein „Coffee Mix" von Maxim – Kaffee, Zucker und Milchpulver schon fertig gemischt.

Besonders verrät sich diese Liebe an einer kleinen Marotte, über die die Koreaner selbst lachen. Es gibt ein Wort dafür: eoljuga – die Kurzform für „Lieber sterbe ich erfroren, als auf meinen Eis-Americano zu verzichten". Selbst bei klirrendem Winter, wenn draußen der Atem gefriert, umklammern die Menschen ihren eisgekühlten Kaffee. Wärmende Getränke gäbe es genug – aber der Eis-Americano ist Kult, fast schon eine Trotzhaltung. Man muss es gesehen haben: Minusgrade, dicke Daunenjacke, dampfende Nase – und in der Hand ein beschlagener Becher mit klirrenden Eiswürfeln.

Und die vielen kleinen Röstereien? Sie sind die jüngste Welle – aber sie passen perfekt ins Muster. In einer Stadt, in der Wohnungen klein und Tage lang sind, ist das Café der verlängerte Wohnraum: zum Lernen, Arbeiten, Verabreden, Für-sich-sein. Dazu kommt ein feines Gespür für Ästhetik und Handwerk – ein eigener Laden mit eigener Röstung ist auch ein Stück Identität. So sitzt in Korea die ganze Geschichte in einer Tasse: die Neugier eines Königs, das Wohnzimmer der Dabangs, das süße Stäbchen für zwischendurch und die ernste junge Rösterin von nebenan.

Kaffeeröstmaschine hinter Glas, daneben Säcke mit grünen Rohkaffeebohnen in einer koreanischen Rösterei
Das „röstet selbst" zum Anschauen: Röstmaschine und grüne Rohbohnen in einer koreanischen Rösterei.

Vom heimlich geschmuggelten Königs-Schluck zur Rösterei an jeder Ecke. Wer hätte das gedacht?

💦 Wassernebel

Warum besprüht Seoul seine Menschen im Hochsommer mit feinem Nebel?

Kühlender Wassernebel unter einer Überdachung an einer Kreuzung in Korea, eine Person läuft hindurch
Kühlender Nebel aus dem Nichts – man läuft einfach hindurch und bleibt trocken.

Der erste Sommer in Seoul fühlt sich an, als atme man warme Suppe. Und dann, mitten auf dem Weg über eine große Kreuzung, legt sich plötzlich ein feiner, kühler Schleier auf Gesicht und Arme – von oben. Mein erster Gedanke: ein Rohr ist geplatzt. Aber niemand zuckt. Die Menschen gehen einfach hindurch, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Und bleiben trocken.

Was mir da über den Kopf gesprüht wurde, hat einen Namen: Cooling Fog, kühlender Nebel. In den koreanischen Sommern, die mit erbarmungslosen Hitzewellen und einer schwülen „gefühlten Temperatur" jenseits der 35 Grad daherkommen, haben die Städte begonnen, ihre öffentlichen Plätze aktiv herunterzukühlen. An Bushaltestellen, Fußgängerüberwegen, in Parks und auf Plätzen hängen feine Düsen, die auf Knopfdruck oder automatisch einen Nebel versprühen.

Das Schöne daran ist die Physik. Man wird nicht nass, weil die Tröpfchen winzig sind – die Stadt Seoul beschreibt sie als etwa ein Zehnmillionstel der Größe eines Regentropfens. So fein, dass sie gar nicht erst als Wasser auf der Haut ankommen, sondern in der Luft verdunsten. Und genau beim Verdunsten passiert das Entscheidende: Wasser braucht Energie, um zu Dampf zu werden, und diese Energie zieht es als Wärme aus der Umgebungsluft. Die Luft kühlt ab. Die Städte sprechen von drei bis fünf Grad weniger – eine Art „Straßen-Klimaanlage" für alle, die keine eigene haben oder den Tag draußen verbringen.

Und der Nebel kommt nicht allein. Er gehört zu einer ganzen Familie von Hitze-Hilfen, die im Sommer über die Stadt verteilt werden: Sonnensegel und große Schirme über Fußgängerüberwegen, damit man im Schatten auf Grün wartet; Bänke an Haltestellen, die sich kühlen, sobald es zu heiß wird; Trinkwasserstellen, Ruheräume mit Klimaanlage. Viele der Nebeldüsen schalten sich automatisch ein, sobald eine bestimmte Temperatur überschritten wird – die Stadt reagiert also, ohne dass jemand einen Knopf drücken muss.

Feiner Wassernebel, der entlang eines Gehwegs in einer koreanischen Stadt versprüht wird
Entlang des Gehwegs sprühen feine Düsen – kaum sichtbar, aber sofort spürbar.

Ich bin dem ehrlich nachgegangen, und so eindeutig sind die drei bis fünf Grad nicht. Unabhängige Messungen – etwa eine Studie an halboffenen Haltestellen – fanden eher bescheidene Effekte, teils nur rund ein Grad, stark abhängig von Wind und Luftfeuchte. Bei Schwüle kann der Nebel die Luft sogar feuchter machen. Die großen Zahlen stammen meist aus den Ankündigungen der Stadtverwaltungen, sind also ein bisschen Behörden-Optimismus.

Aber – und das ist der Punkt – die gefühlte Erleichterung ist sofort da. Aus der Brüh-Kreuzung tritt man zwei Sekunden lang in eine kühle Wolke, und der Körper jubelt, ganz gleich, was das Thermometer sagt. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr sagt dieser Nebel über Korea aus. Er ist freiwillig, kostenlos, für jeden da. Jemand hat sich überlegt: Die Menschen müssen hier bei dieser Hitze warten – also kühlen wir die Luft, in der sie warten. Der öffentliche Raum wird nicht nur verwaltet, er wird umsorgt.

Es ist eine kleine Geste, aber eine, die man in dem Moment, in dem sie einen trifft, sofort versteht: Du stehst nicht allein in der Hitze. Die Stadt denkt an dich.

Eine ganze Stadt, die ihren Menschen Kühlung von oben schenkt. Wer hätte das gedacht?

🌙 Mond & Hase

Welche Bedeutung hat der Mond in Korea – und warum sitzt dort ein Hase?

Oranger Vollmond steigt über den Dächern eines Seouler Viertels hinter einem Kirchturm auf
Vollmond-Aufgang über Seoul – der runde Mond steigt glühend über die Dächer.

Es war zu Chuseok, dem großen Erntedankfest, als jemand neben mir nach oben zeigte und fragte: „Siehst du den Hasen?" Ich sah erst nur den riesigen, fast peinlich hellen Vollmond. Doch dann verschoben sich die dunklen Flecken vor meinen Augen zu einer Gestalt – und seitdem kann ich sie nicht mehr nicht sehen.

In Korea ist der Mond kein Nebendarsteller. Der alte Kalender ist ein Mondkalender, und die beiden größten Feste des Jahres hängen an ihm: Seollal, das Neujahr, und Chuseok, das Erntedank- und Familienfest im Herbst. Chuseok fällt auf den Vollmond der Erntezeit – und dieser Mond gilt als der rundeste, hellste des Jahres, ein Sinnbild für Fülle, Dankbarkeit und die Familie, die wieder zusammenkommt. Man wünscht sich unter ihm etwas. Man schaut hinauf wie zu einem alten Verwandten.

Dieser Mond war früher sogar ein Treffpunkt. Zu Daeboreum, dem ersten Vollmond des neuen Jahres, stieg man auf Hügel, um ihn als Erster aufgehen zu sehen – wer das schaffte, dem sollte ein Wunsch in Erfüllung gehen. Und zum Chuseok-Vollmond tanzten Frauen den Ganggangsullae: Hand in Hand, in einem großen Kreis, singend, die ganze Nacht unter dem runden Licht. Ein Reigen, der heute zum immateriellen Weltkulturerbe zählt. Der Mond war nie nur Dekoration am Himmel – er war der Grund, zusammenzukommen.

Und in diesem Mond wohnt, so sieht es ganz Ostasien, ein Hase: der Daltokki, der Mondhase. Die dunklen Flecken, die der Westen zum „Mann im Mond" verrührt, sind hier ein Tier mit einem Mörser. Nur – was stampft er da? In der chinesischen Erzählung mischt er ein Elixier der Unsterblichkeit. In der koreanischen (und japanischen) Fassung tut er etwas viel Bodenständigeres und Schöneres: Er stampft Tteok, Reiskuchen. Ausgerechnet die Speise, die zu genau diesen Mondfesten gegessen wird. Der Hase da oben ist also, wenn man so will, der himmlische Konditor des Festes.

Vollmond in Großaufnahme, die dunklen Flecken zeichnen die Form eines Hasen
Schau genau hin: In den dunklen Flecken sitzt der Hase und stampft mit seinem Mörser. 🐇

Bleibt die eigentliche Frage: Warum überhaupt ein Hase? Die Legende erzählt es so. Ein Himmelsherrscher steigt als hungriger Bettler verkleidet zur Erde herab, um drei Tiere zu prüfen – einen Fuchs, einen Affen und einen Hasen. Fuchs und Affe bringen Fisch und Früchte herbei. Nur der Hase findet nichts, das der Rede wert wäre. Da tut er das Unfassbare: Er wirft sich selbst ins Feuer, um dem Fremden die einzige Nahrung zu geben, die er hat – sich. Der Herrscher, zutiefst gerührt von dieser Selbstaufopferung, hält ihn auf und setzt sein Bild für immer in den Mond, damit alle Welt sich an diese Güte erinnert. (Oft wird die Geschichte bis zu einer alten buddhistischen Erzählung zurückgeführt – die genaue Herkunft variiert von Erzähler zu Erzähler.)

Mir gefällt, wie rund das alles ist. Ein Hase, der einst alles gab, was er hatte – und der nun bis in alle Ewigkeit die Reiskuchen stampft, die ein ganzes Land isst, wenn es sich unter demselben Mond zur Familie versammelt. Großzügigkeit, die zu Essen wird, das Menschen zusammenbringt. Schöner kann eine Mondfigur kaum beschäftigt sein.

Seitdem suche ich bei jedem Vollmond den kleinen Bäcker da oben. Und finde ihn jedes Mal.

Kein Mann im Mond, sondern ein Hase, der Kuchen stampft. Wer hätte das gedacht?

🎂 Das Alter

Wie alt ist meine Enkelin – nach koreanischer Rechnung?

Amy ist bei uns gerade 9 geworden. In Korea wäre sie …
9🌍 international
(만 나이)
10🎂 traditionell gezählt
(세는 나이)
9📅 Jahres-Alter
(연 나이)

Meine Enkelin Amy ist gerade 9 geworden – am 12. Oktober, mit Hasenkostüm und Picknick. Doch würde ein Koreaner sie nach ihrem Alter fragen, käme eine andere Zahl heraus. Hier wäre Amy nämlich schon 10. Und hätte man sie im Frühsommer gefragt, wäre sie sogar „zwei Jahre älter" gewesen als zu Hause.

In kaum einem Land war die harmlose Frage „Wie alt bist du?" so kompliziert wie in Korea. Denn bis vor Kurzem trug hier jeder Mensch gleich drei Alter mit sich herum.

Das traditionelle, im Alltag wichtigste ist das gezählte Alter. Dabei ist man schon bei der Geburt ein Jahr alt – die Zeit im Mutterleib zählt mit, eine eigentlich schöne Idee: Das Leben beginnt nicht erst mit dem ersten Atemzug. Und älter wird man nicht an seinem Geburtstag, sondern gemeinsam mit allen anderen: an Neujahr. Alle rücken am selben Tag eine Zahl weiter. Das führt zu einem hübschen Kuriosum: Ein Baby, das am 31. Dezember zur Welt kommt, ist am nächsten Morgen schon zwei Jahre alt – mit einem einzigen Tag Lebenszeit.

Besonders hübsch zeigt sich das an einem Brauch: Am koreanischen Neujahr isst man Tteokguk, eine Reiskuchen-Suppe – und erst wenn man seine Schale gegessen hat, ist man wirklich ein Jahr älter. „Wie viele Schalen Tteokguk hast du schon gegessen?" ist darum eine augenzwinkernde Art, nach dem Alter zu fragen. Älterwerden als etwas, das man gemeinsam isst.

Für Amy heißt das: geboren im Oktober 2017, ist sie bei uns gerade 9 geworden. Nach koreanischer Zählung ist sie 10 – ein Jahr geschenkt. Und weil in dieser Rechnung alle schon am 1. Januar 2026 ein Jahr dazubekamen, war Amy in den ersten Monaten dieses Jahres, vor ihrem Geburtstag, international noch 8 – in Korea aber bereits 10. Zwei Jahre Unterschied, einfach so.

Hinter dem Zahlenwirrwarr steckt etwas zutiefst Koreanisches. Das Alter ist hier nicht bloß eine Zahl, sondern bestimmt, wie man miteinander spricht: Es gibt höfliche und vertraute Sprachebenen, Anreden und Umgangsformen, die vom Altersunterschied abhängen. Darum ist eine der ersten Fragen beim Kennenlernen oft nicht „Wie heißt du?", sondern „In welchem Jahr bist du geboren?" – nicht aus Neugier, sondern um zu wissen, wie man sich zueinander verhält. Und dass alle gemeinsam an Neujahr altern, passt zu einem Land, das vieles lieber zusammen tut als jeder für sich.

2023 wurde es den Koreanern dann selbst zu bunt. Seit Juni jenes Jahres gilt in Gesetzen und auf Ämtern offiziell nur noch das internationale Alter – über Nacht wurden Millionen Menschen ein, zwei Jahre „jünger". Im Alltag aber hält sich die alte Zählung hartnäckig: Frag auf dem Spielplatz, und manche Großmutter würde Amy noch immer für 10 halten.

So bekam Amy in Korea ihr schönstes Geschenk schon vor dem Geburtstag: ein, zwei Jahre extra – völlig gratis. Wer hätte das gedacht?

🐶 Die Hunde

Warum werden Hunde in Korea behandelt wie Kinder?

Kleiner schwarzer Zwergspitz (Pomeranian) an der Leine schaut fröhlich in die Kamera
Herausgeputzt und heiß geliebt: ein kleiner Zwergspitz auf Spaziergang in Seoul.

Es dauert in Korea keine halbe Stunde, bis man dem ersten Hund im Kinderwagen begegnet. Herausgeputzt, mit Mäntelchen, auf dem Weg ins Hundecafé oder zum Hundefriseur. Und während die kleinen Vierbeiner überall sind, fällt etwas anderes auf: Kinderwagen mit Babys sieht man erstaunlich selten.

Das ist kein Gefühl, das belegen die Zahlen auf fast schon unglaubliche Weise. 2023 wurden in Korea erstmals mehr Hunde-Buggys verkauft als Kinderwagen. Beim größten Online-Händler des Landes entfielen in den ersten neun Monaten rund 57 Prozent der verkauften „Buggys" auf Hunde, nur noch 43 Prozent auf Babys. Vor wenigen Jahren war es noch genau umgekehrt. Man muss sich das kurz vorstellen: Im Park rollt heute öfter ein Hund an einem vorbei als ein Säugling.

Kleiner grauer Pudel sitzt gemütlich in einem Hunde-Buggy in einem Einkaufszentrum
Kein Baby, sondern ein Pudel: Hunde-Buggys gehören in Seoul längst zum Straßenbild.

Dahinter steht eine der tiefgreifendsten Entwicklungen des Landes. Korea hat die niedrigste Geburtenrate der Welt – statistisch bekommt eine Frau im Schnitt nur noch etwa 0,7 Kinder – ein weltweiter Tiefstwert, gegen den die Regierung mit Milliarden an Prämien und Programmen ankämpft, bisher weitgehend vergeblich. Wohnungen sind teuer, die Arbeitszeiten lang, und immer mehr Menschen entscheiden sich für ein Haustier statt oder vor einem Kind. Der Hund rückt an eine Stelle, die früher selbstverständlich den Kindern gehörte: Er wird zum Familienmitglied, zum „Fellkind". Daraus ist eine ganze Welt gewachsen – Hundecafés, Hundespas, Hundekleidung, Hundehotels, sogar Bestattungen für Haustiere.

Inzwischen lebt in etwa jedem vierten koreanischen Haushalt ein Haustier, und rundherum ist eine eigene Welt – fast eine eigene Sprache – entstanden: Herrchen und Frauchen nennen sich „Hunde-Eltern", feiern Hundegeburtstage mit Törtchen und kleinem Hut, kaufen Mäntelchen und Schühchen in Kaufhaus-Etagen, die es ausschließlich für Vierbeiner gibt, und verabreden sich im Hundecafé. Und der Buggy ist dabei oft gar keine Verwöhn-Marotte: Er schützt kleine, junge oder altersschwache Hunde vor der Sommerhitze, vor Gedränge und dem Lärm der Großstadt – und sorgt dafür, dass sie überallhin mitdürfen. Dabei sein ist eben alles, auch für den Hund. 🐾

Kleiner weißer Malteser in einem rosa Erdbeer-Kleidchen mit grüner Schleife sitzt auf einem Stuhl
Herausgeputzt bis zur Schleife: ein Malteser im Erdbeer-Kleidchen bei einem Haustier-Event.

Und hier kommt die eigentliche „Wer hätte das gedacht?"-Wendung: Es ist dasselbe Land, das jahrzehntelang für den Verzehr von Hundefleisch bekannt war. Doch im Januar 2024 stimmte das koreanische Parlament fast einstimmig für ein Gesetz, das Zucht, Schlachtung und Verkauf von Hunden zum Verzehr verbietet – vollständig ab 2027. Die Betriebe bekommen Hilfe beim Umstieg; das Essen selbst wird nicht bestraft. Aber die Richtung ist unmissverständlich. Vom Tier auf dem Teller zum Tier im Buggy – in kaum einer Generation.

Manchmal denke ich, dass dieser kleine, herausgeputzte Hund im Kinderwagen mehr über das heutige Korea erzählt als jeder Wolkenkratzer. Er ist ein liebevolles, ein bisschen wehmütiges Spiegelbild: ein Land, das seine Zuwendung nicht verliert, sondern verschiebt. Die Sehnsucht, für jemanden zu sorgen, ihn zu verwöhnen, ihn als Familie zu lieben – sie bleibt. Sie trägt nur manchmal ein Fellmäntelchen. Und wenn Marie, Amy und ich zu dritt durch die Stadt ziehen, merke ich: Das Schönste ist und bleibt doch, füreinander da zu sein – ganz gleich, auf wie vielen Beinen.

Kleiner weißer Hund wird liebevoll gehalten, im Hintergrund stehen mehrere Kinderwagen
Ein Hund im Arm – dahinter die Kinderwagen. Zwei Welten in einem Bild.

Vom Hof aufs Sofa, vom Nutztier zum Familienmitglied – und im Buggy statt im Kinderwagen. Wer hätte das gedacht?

✏️ Lernen & Wandel

Warum sitzen in Koreas Dorfschulen plötzlich Großmütter in der ersten Klasse?

„Mit achtzig lernt eine Großmutter zum ersten Mal, ihren eigenen Namen zu schreiben.“

Ein stilles Wunder in Koreas Dörfern

Es ist eine Geschichte, die mich nicht mehr loslässt, seit Marie sie erwähnte. In vielen Dörfern Koreas sind die neuen Erstklässler keine Kinder mehr – sondern Großmütter. Mit siebzig, achtzig Jahren drücken sie zum ersten Mal in ihrem Leben die Schulbank und lernen, Buchstaben zu malen.

Dahinter stehen zwei Entwicklungen, die sich auf rührende Weise treffen. Die erste kennen wir schon von den Hunden: Weil Korea so wenige Kinder bekommt und die Jungen in die Städte ziehen, leeren sich die Dorfschulen. An einer Grundschule in den Bergen sind aus einst fast 700 Schülern ganze 22 geworden. Manchen Schulen droht die Schließung – es fehlen schlicht die Kinder, um die Klassen zu füllen.

Die zweite ist leiser und älter. Viele Frauen auf dem Land, heute hochbetagt, durften als Mädchen nie zur Schule. Es war die Zeit von Krieg und Armut, und in einer streng patriarchalen Gesellschaft schickte man die Söhne zum Lernen, während die Töchter zu Hause arbeiteten. Manche erzählen, wie sie sich als Kind hinter einem Baum versteckten und weinten, während sie den Brüdern auf dem Schulweg nachsahen. Noch 2017 konnten fast 70 Prozent der über 80-Jährigen nicht lesen und schreiben – ganz überwiegend Frauen.

Und nun fügt das Schicksal die beiden Fäden zusammen: Die leeren Stühle in den Dorfschulen füllen sich wieder – mit genau diesen Frauen. Eine Großmutter sitzt an einem winzigen Pult neben einem Siebenjährigen, manchmal neben dem eigenen Enkelkind, und zieht mit zittriger Hand ihre ersten Linien. Nicht für eine Karriere, nicht für ein Zeugnis – sondern um endlich ein Busschild lesen zu können, den Brief einer Enkelin, ein Kirchenlied. Um mit achtzig zum ersten Mal den eigenen Namen zu schreiben. Manche von ihnen fangen später sogar an zu dichten und veröffentlichen kleine Gedichtbände.

Wer einmal gesehen hat, wie eine alte Frau nach Jahrzehnten zum ersten Mal ihre Unterschrift unter ein Blatt setzt – nicht mehr mit dem Daumenabdruck, sondern mit ihrem Namen –, der versteht, worum es hier wirklich geht. Es geht um Würde. Um das Gefühl, endlich dazuzugehören in einer Welt aus Schrift, vor der man sich ein Leben lang ein wenig geschämt hat.

Und hier schließt sich der Kreis zu dem, was Marie beobachtet hat: Wie sehr sich die Rolle der Frau in Korea verändert hat – in einer einzigen Lebensspanne. Die Enkelinnen dieser Großmütter gehören heute zu den bestausgebildeten Frauen der Welt; junge Koreanerinnen studieren inzwischen sogar häufiger als die jungen Männer. Vom Mädchen, das nicht lernen durfte, zur Enkelin, die alles werden kann – in nur drei Generationen.

Deshalb ist dieses leere Klassenzimmer für mich kein Ort des Mangels, sondern eine Brücke: zwischen dem Mädchen, das man einst weggeschickt hat, und den Mädchen, denen heute die ganze Welt offensteht. Und wenn eine Großmutter endlich ihren Namen schreibt, holt sie nicht bloß eine verpasste Kindheit nach. Sie schließt einen Kreis, der sechzig Jahre offen war.

Leere Schulen, die sich den Alten öffnen – und Frauen, die mit achtzig schreiben lernen, was man ihnen als Kind verwehrte. Wer hätte das gedacht?

⚖️ Frauen & Freiheit

Will eine Koreanerin heute noch Hausfrau und Mutter sein?

„Sie dürfen heute alles lernen – nur die alte Rolle sollen sie bitte trotzdem noch spielen.“

Koreas Frauen zwischen Aufbruch und Tradition

Erinnerst du dich an die Großmütter, die mit achtzig schreiben lernen? Ihre Enkelinnen dürfen heute alles studieren, alles werden. Und so stellt sich die Frage ganz neu: Will eine Koreanerin überhaupt noch „nur" Hausfrau und Mutter sein? Die kurze Antwort: immer seltener – und das verändert gerade das ganze Land.

Bei der Bildung ist die Revolution längst vollzogen. Koreanerinnen gehören zu den bestausgebildeten Frauen der Welt; junge Frauen gehen inzwischen sogar häufiger an die Universität als junge Männer. Sie wollen Berufe, Unabhängigkeit, ein eigenes Leben – und das mit einer Selbstverständlichkeit, die ihre Großmütter sprachlos machen würde.

Doch – und hier beginnt das eigentlich Überraschende – die Wirklichkeit im Berufsleben hat mit diesem Aufbruch nicht Schritt gehalten. Korea hat den größten Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen in der gesamten OECD: Frauen verdienen im Schnitt rund dreißig Prozent weniger – und das trotz ihrer Spitzenbildung. Typisch ist die sogenannte „M-Kurve": Frauen arbeiten in den Zwanzigern, steigen um die Dreißig – bei Heirat und Kind – aus dem Beruf aus und kehren, wenn überhaupt, erst viel später zurück.

Der Grund dafür ist weniger der böse Wille Einzelner als eine zähe Erwartung. Noch immer gilt vielerorts: Eine Frau darf berufstätig sein – solange sie zusätzlich den Haushalt führt, die Kinder erzieht und sich oft auch um die Schwiegereltern kümmert. Diese „zweite Schicht" nach Feierabend lastet fast allein auf ihr. Wer da Karriere und Familie zugleich will, zahlt einen hohen Preis.

Immer mehr junge Frauen ziehen daraus eine klare Konsequenz: Sie sagen Nein. Nicht laut, sondern durch ihre Entscheidungen. Fachleute deuten Koreas weltniedrigste Geburtenrate auch als eine Art stillen Streik – lieber kein Kind als das alte Gesamtpaket aus Beruf plus fast aller Hausarbeit. Es gibt sogar eine kleine, aber viel diskutierte Strömung, die „4B-Bewegung", deren Anhängerinnen Ehe, Kinder, Beziehung und Partnerschaft mit Männern grundsätzlich ablehnen.

Doch so einfach ist die Geschichte nicht, und das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Das Thema hat die Gesellschaft tief gespalten. „Feministin" ist in Korea zu einem aufgeladenen, für manche fast anrüchigen Wort geworden. Viele junge Männer fühlen sich ihrerseits benachteiligt – durch den langen Militärdienst, den harten Arbeitsmarkt – und reagieren mit scharfer Ablehnung. Gleichberechtigung ist hier kein ruhiges Dauerthema, sondern ein lauter, politischer Streit, der mitten durch Freundeskreise und Wahlkämpfe geht.

Dabei bewegt sich durchaus etwas: Es gibt Gesetze gegen Diskriminierung, ausgebauten Elternurlaub, ein eigenes Ministerium für Gleichstellung, und Frauen rücken in Berufe und Führungspositionen vor, die ihnen früher verschlossen waren. Der Wandel ist also real – er verläuft nur ungleichmäßig, mal rasant, mal zäh, und wird bei jedem Schritt neu verhandelt.

Und so zeigt sich das vielleicht größte Paradox des Landes: Ausgerechnet eine der modernsten, digitalsten, bestausgebildeten Nationen der Welt ist im Alltag der Geschlechter erstaunlich altmodisch geblieben. Ihre Frauen aber schreiben den alten Vertrag gerade neu – mit ihren Diplomen, mit ihren Stimmen, und ganz leise auch mit den leeren Kinderwagen.

Ein Land, das seine Töchter alles lernen lässt – und dann staunt, dass sie die alte Rolle nicht mehr spielen wollen. Wer hätte das gedacht?

🧔 Die Männer

Hat sich das Patriarchat entwickelt – oder ent-wickelt?

„Fünfhundert Jahre Männerherrschaft – und ausgerechnet die jungen Männer fühlen sich heute als die Verlierer.“

Koreas Geschlechter-Graben

In diesem Land hält sich eine der ältesten und strengsten patriarchalen Ordnungen der Welt – und trotzdem tobt gerade ein erbitterter „Geschlechterkampf". Das wirft eine schöne, doppeldeutige Frage auf: Entwickelt sich das Patriarchat gerade *weiter*, reift es zu etwas Neuem – oder *ent-wickelt* es sich, schält sich aus seiner alten Hülle und löst sich auf? Das Verblüffende ist: Beides scheint gleichzeitig zu geschehen.

Um zu verstehen, was heute passiert, muss man fünfhundert Jahre zurück. Über die ganze Joseon-Dynastie machte Korea den Neokonfuzianismus zur Staatsidee – mit einer klaren Rangordnung, in der der Mann über der Frau stand. Namjon-yeobi hieß der Grundsatz: „Mann hoch, Frau niedrig". Eine Frau folgte lebenslang erst dem Vater, dann dem Ehemann, dann dem Sohn; nur Söhne führten die Ahnenlinie weiter. Diese Ordnung saß so tief, dass ihr letzter gesetzlicher Rest – das männliche „Haushaltsvorstand"-System – erst 2008 abgeschafft wurde.

Und dann, in nur einer einzigen Generation, kam der Bruch. Die Töchter und Enkelinnen jener Frauen, die als Mädchen nicht einmal zur Schule durften, gehören heute zu den bestausgebildeten der Welt. Sie studieren häufiger als die Männer, wollen Beruf, Unabhängigkeit, ein eigenes Leben. Fünfhundert Jahre Selbstverständlichkeit beginnen sich aufzulösen – das Patriarchat „ent-wickelt" sich, im Wortsinn.

Doch – und das ist das eigentlich Überraschende – ausgerechnet die jungen Männer fühlen sich dabei nicht als Erben einer mächtigen Ordnung, sondern als deren Verlierer. Umfragen zeigen: rund drei Viertel der Männer in den Zwanzigern lehnen „Feminismus" ab. Zwei Gründe stehen im Zentrum: der Wehrdienst, den nur sie leisten müssen (etwa anderthalb Jahre Lebenszeit), und ein gnadenloser Arbeitsmarkt, auf dem sie die Förderung von Frauen als „umgekehrte Diskriminierung" empfinden. Ihr Gefühl, auf eine Formel gebracht: Wir sollen für eine Macht büßen, die wir selbst nie besessen haben.

Aus diesem Gefühl wurde ein politisches Erdbeben. Bei der Wahl 2022 warb der spätere Präsident gezielt um die jungen Männer – mit dem Versprechen, das Gleichstellungsministerium abzuschaffen, und der Behauptung, eine Diskriminierung von Frauen gebe es ohnehin nicht mehr. Das Ergebnis war ein tiefer Graben: junge Männer auf der einen, junge Frauen auf der anderen Seite. „Feministin" wurde zum Reizwort, der „Geschlechterkampf" (젠더 갈등) zum politischen Dauerthema.

Wer hat nun recht? Vermutlich tragen beide Seiten echte Wunden. Die Lasten der jungen Männer – Militärdienst, Zukunftsangst – sind real und werden oft kleingeredet. Und zugleich bleibt wahr, dass Frauen im Schnitt rund dreißig Prozent weniger verdienen und die Hausarbeit fast allein stemmen. Das eigentlich Tragische: Zwei Gruppen, die unter demselben erschöpfenden System leiden – endlose Arbeitszeiten, teure Wohnungen, erbarmungsloser Wettbewerb –, kämpfen gegeneinander, statt gemeinsam dagegen.

Und so steht Korea zwischen zwei Zeitaltern. Die alte Ordnung ist nicht einfach verschwunden; sie wankt, wehrt sich, verschiebt sich. Vielleicht reift daraus etwas Neues, Gerechteres. Vielleicht ist es auch nur ein schmerzhaftes Auseinanderfallen, dessen Ausgang niemand kennt. Die leeren Kinderwagen, die erbitterten Debatten und die Großmütter mit dem Schreibheft – sie alle gehören zu ein und derselben großen Verwandlung.

Ein jahrhundertealtes Patriarchat, das sich nicht entscheiden kann, ob es sich weiterentwickelt oder auflöst. Wer hätte das gedacht?

🎓 Der Ehrgeiz

Warum hält ein ganzes Land für eine einzige Prüfung den Atem an?

Wie ernst Korea es mit der Bildung meint:
80 %der Schüler gehen in bezahlte Nachhilfe
29 Bio.Won pro Jahr für Nachhilfe (~20 Mrd. $)
35 MinFlugverbot während der Prüfung

An einem Tag im November hält ganz Korea buchstäblich den Atem an. Flugzeuge bleiben am Boden, die Börse öffnet später, Büros fangen erst um zehn an, und vor den Schulen stehen Eltern, die beten. Der Grund: eine einzige Prüfung. Und die Frage drängt sich auf – warum entscheidet ein Test über so viel?

Die Prüfung heißt Suneung: ein neunstündiger Marathon aus fünf Teilen, den rund eine halbe Million junger Menschen am selben Tag ablegen. Und das Land organisiert sich an diesem Tag komplett um sie herum. Während des Hörverstehen-Teils in Englisch gilt ein 35-minütiges Flugverbot – Maschinen müssen oben bleiben oder warten, damit kein Fluglärm stört. Die Börse und viele Firmen starten eine Stunde später, damit die Straßen frei sind. Polizisten fahren verspätete Schüler mit Blaulicht zur Prüfung. Und jüngere Kinder stehen morgens vor den Toren und feuern die Älteren an. Für einen Tag dreht sich eine ganze Nation um Teenager mit Bleistiften.

Warum so extrem? Die Antwort liegt in einer atemberaubenden Geschichte. Korea ist in nur rund fünfzig Jahren vom ärmsten Land der Welt zu einer reichen Industrienation aufgestiegen – das „Wunder am Han". In diesem rasanten Aufstieg wurde Bildung zur wichtigsten Leiter nach oben: Welche Universität man besucht – vor allem die drei Elite-Unis, zusammen „SKY" genannt –, kann den ganzen Lebensweg prägen: Beruf, Ansehen, sogar die Heiratschancen.

Also setzen Familien alles daran. Acht von zehn Schülern besuchen private Paukschulen – die „Hagwon" –, viele bis spät in die Nacht. 2024 gaben die Haushalte dafür zusammen die Rekordsumme von 29,2 Billionen Won (rund 20 Milliarden Dollar) aus. Und jetzt das eigentlich Verblüffende: Während die Zahl der Kinder immer weiter sinkt, steigen diese Ausgaben Jahr für Jahr auf neue Höchststände. Weniger Kinder – aber für jedes einzelne wird noch mehr investiert.

Wie unerbittlich es im Prüfungsjahr zugeht, zeigt ein geflügeltes Wort: „Vier bestehst du, fünf fällst du durch" (사당오락). Wer nur vier Stunden schläft, so die bittere Faustregel, kommt durch – wer sich fünf gönnt, verliert. Man muss es nicht wörtlich nehmen, um zu spüren, mit welcher Härte hier um jeden einzelnen Punkt gerungen wird.

Diese Lernleidenschaft hat Erstaunliches geschaffen: eine der am besten ausgebildeten Gesellschaften der Welt, Spitzenplätze in internationalen Vergleichstests, und einen echten Motor hinter Koreas Erfolg. Dass ein so kleines, rohstoffarmes Land heute Smartphones, Autos und Popkultur in die ganze Welt exportiert, hat viel mit genau diesem Ehrgeiz zu tun. Man kann ihn durchaus bewundern.

Aber er hat auch seinen Preis, und das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Kindheiten, die bis Mitternacht im Klassenzimmer vergehen; ein Druck, der schon auf Zehnjährigen lastet. Junge Koreaner haben für ihre eigene, erbarmungslose Wettbewerbsgesellschaft sogar ein bitteres Wort geprägt: „Hell Joseon" – die Hölle Joseon. Der Ehrgeiz ist Motor und Bürde zugleich.

Ein ganzes Land, das seine Flugzeuge am Boden lässt, damit seine Kinder sich konzentrieren können – aus der Erinnerung, dass Lernen einst der einzige Weg nach oben war. Wer hätte das gedacht?

🌑 Die Kehrseite

Was kostet das Wunder? Die Kehrseite der Medaille

„Dasselbe Licht, das Korea so hell strahlen lässt, wirft auch einen langen Schatten.“

Der Preis des Wunders

In der Ehrgeiz-Geschichte haben wir Koreas glänzende Seite gesehen: den rasanten Aufstieg, die Spitzenleistungen, den unbändigen Willen. Aber jede Medaille hat eine Rückseite – und sie ehrlich zu zeigen, bin ich den Menschen schuldig, die sie tragen. Denn hinter dem Hochglanzbild liegt eine stillere, schwerere Wirklichkeit.

Die schwerste Zahl zuerst, ganz behutsam: Korea hat seit rund zwanzig Jahren die höchste Suizidrate der OECD – zuletzt etwa 29 auf 100.000 Menschen, fast dreimal so viel wie im Durchschnitt der Industrieländer. Am bittersten: Bei den Teenagern, den Zwanzig- und Dreißigjährigen ist es die häufigste Todesursache überhaupt. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch, der den Druck, den Vergleich, die Angst zu versagen nicht mehr tragen konnte.

Warum? Es ist derselbe Motor. In einer Gesellschaft, die den eigenen Wert in Noten, Jobtiteln, Aussehen und Rang misst, fühlt sich Zurückfallen an wie Herausfallen. Der ständige Vergleich, der Zwang, „das Gesicht zu wahren", lassen wenig Raum, einfach müde, gewöhnlich oder unvollkommen sein zu dürfen. Und weil psychische Erkrankungen stark stigmatisiert sind, leiden viele lieber im Stillen, als sich Hilfe zu holen.

Besonders die Jungen spüren das. Schon als Kinder im Prüfungs-Hamsterrad, als junge Erwachsene im Verdrängungswettbewerb um Wohnung und Arbeit – und selbst wer es „nach oben" schafft, findet dort oft keine Ruhe, sondern nur die nächste Stufe. Viele haben für dieses Gefühl ein bitteres Wort geprägt: Sie nennen ihr eigenes Land „Hell Joseon", die Hölle. Dass Korea gleichzeitig so bewundert wird und sich für so viele so erschöpfend anfühlt, ist vielleicht der traurigste Widerspruch von allen.

Dann ist da eine ganze Generation, die das Wunder zurückgelassen hat. Nahezu die Hälfte der über 65-Jährigen lebt in relativer Armut – der höchste Wert der gesamten OECD. Es sind oft genau jene Großmütter aus unserer früheren Geschichte, die dieses reiche Land mit ihren Händen aufgebaut haben – und heute ohne ausreichende Rente dastehen. Man sieht sie in den glitzernden Straßen Seouls Pappe und Altpapier sammeln, gebückt, für ein paar Won. Das Land wurde schneller reich, als sein soziales Netz wachsen konnte.

Und da ist die Einsamkeit. Korea hat sogar ein eigenes Wort für das einsame, unentdeckte Sterben: godoksa (고독사). In einer Gesellschaft, die nach vorn hetzt, leben – und sterben – immer mehr Menschen für sich allein, Alte wie Junge. Alkohol, die allgegenwärtige Soju-Kultur, und zunehmend auch Drogen füllen manche dieser Risse.

Und doch – das ist mir wichtig – schaut Korea nicht weg. Das Land spricht heute offen über diese Schatten: Es baut Programme zur Suizidprävention, ringt um bessere Renten, diskutiert die Einsamkeit. Eine Wunde zu benennen, ist der erste Schritt, sie zu heilen. Und genau die Wärme, die mir hier überall begegnet ist – das „uri", das Füreinander-Dasein –, ist die Kraft, die das Land da hindurchtragen kann.

Jede glänzende Medaille hat eine Rückseite. Sie mitzuerzählen trübt Koreas Licht nicht – es ehrt die Menschen, die es tragen. Wer hätte das gedacht?

💛 Wenn es dir selbst einmal schwer ums Herz ist: Du bist nicht allein.
In Deutschland hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr, kostenlos und anonym: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. In Österreich: 142. In der Schweiz: 143.

💆 Das Gesicht

Warum pflegt Korea das Gesicht gleich doppelt?

„In Korea pflegt man das Gesicht gleich doppelt: das im Spiegel – und das in den Augen der anderen.“

Schönheit & das „Gesicht wahren"

Man bemerkt es in Seoul sofort: Die Sorge ums Äußere ist überall. An jeder Ecke ein Kosmetikladen, makellose „glass skin", Menschen – Frauen wie Männer –, die sich im Schaufenster kurz prüfen, und ganze Viertel voller Schönheitskliniken. Das ist mehr als Eitelkeit; es ist eine eigene Welt. Und sie hängt, wie sich zeigt, eng mit allem zusammen, was wir gerade erzählt haben.

Zunächst die helle Seite: K-Beauty ist ein fröhliches Handwerk und ein Welterfolg. Die berühmten mehrstufigen Pflegeroutinen, das Ideal der spiegelglatten Haut – und, für viele überraschend: Hautpflege ist hier auch für Männer völlig selbstverständlich; Korea zählt zu den größten Männer-Kosmetikmärkten der Welt. 2024 exportierte das Land Kosmetik im Wert von über 10 Milliarden Dollar und gehört damit zu den drei größten Kosmetik-Exporteuren überhaupt. Schönheit ist hier Kunst, Selbstfürsorge – und ein Riesengeschäft.

Verstärkt wird das Ganze durch allgegenwärtige Vorbilder: makellose K-Pop-Idole und Schauspieler, deren Gesichter von riesigen Werbetafeln, aus jedem Handy und jeder U-Bahn blicken. Ein bestimmtes Ideal – helle, klare Haut, große Augen, eine zarte „V-Linie" des Kinns – ist dadurch so präsent, dass es fast wie der Normalzustand wirkt. Und wer ihm nahekommen möchte, findet an jeder Ecke die Mittel dazu.

Doch Korea geht weiter als jedes andere Land: Es hat die weltweit höchste Rate an Schönheitsoperationen pro Kopf. Ganze Stadtviertel – allen voran Gangnam – reihen Klinik an Klinik. Die Lidstraffung (die „Doppellid"-OP) ist so verbreitet, dass sie manchen Jugendlichen sogar als Geschenk zum Schulabschluss oder zum 18. Geburtstag gemacht wird. Das Aussehen zu optimieren gilt vielen weniger als Luxus denn als Investition.

Warum so intensiv? Hier treffen sich die zwei Bedeutungen von „Gesicht". Wir haben ja schon gesehen, wie wichtig es in Korea ist, das Gesicht zu wahren (체면) – in den Augen der anderen gut dazustehen. In einer Gesellschaft, die unablässig vergleicht, wird das buchstäbliche Gesicht Teil davon: Aussehen ist Wettbewerbs-Kapital. Auf vielen Lebensläufen klebt noch immer ein Foto; das Äußere kann über einen Job, eine Partnerschaft, den ersten Eindruck mitentscheiden. Sein Gesicht zu pflegen heißt hier auch: seinen Rang zu pflegen.

Und genau dort fällt – direkt neben der Kehrseite-Geschichte – auch ein Schatten. Wenn Schönheit zur Währung wird, wächst der Druck auf das eigene Spiegelbild, besonders bei jungen Menschen und Frauen, gemessen an einem engen, perfekten Ideal. Was als Selbstfürsorge beginnt, kann in unerbittlichen Selbstvergleich kippen. Dann wird sogar der Spiegel zum Ort des Wettbewerbs.

Es wäre aber unfair, nur Eitelkeit darin zu sehen. Für viele ist es echte Freude, Ritual und Selbstvertrauen – eine kleine tägliche Geste der Zuwendung in einer harten, schnellen Welt. Und es gibt eine wachsende Gegenbewegung: junge Koreanerinnen, die den Druck ablehnen, ungeschminkt aus dem Haus gehen, das Ideal in Frage stellen. Das Gespräch verschiebt sich.

Ein Land, das sein Gesicht gleich doppelt pflegt – das im Spiegel und das in den Augen der anderen. Wer hätte das gedacht?

✝️ Rote Kreuze

Warum glüht der koreanische Nachthimmel voller roter Kreuze?

Beleuchtetes Kirchenkreuz auf einem schmalen Turm unter dem aufgehenden Vollmond über einem Viertel in Seoul
Unter dem aufgehenden Mond: ein Kreuz über den Dächern – eines von unzähligen am Seouler Nachthimmel.

Als ich den Vollmond über Seoul aufgehen sah, stand darunter ein schmaler Turm mit einem Kreuz. Erst dachte ich: eine einzelne Kirche. Doch sobald es dunkel wird, bemerkt man es überall – über der ganzen Stadt schweben rote Kreuze, leuchtend, unzählige. Einmal gesehen, kann man sie nicht mehr übersehen.

Man reist nach Korea und erwartet Tempel: Räucherwerk, geschwungene Dächer, goldene Buddhas. Und all das gibt es, in großer Schönheit. Aber hebt man abends den Blick über die Dächer, blinkt der Himmel rot von Dutzenden Kreuzen. Wie kommt ausgerechnet das Land der Tempel zu so vielen Kirchen?

Rot leuchtendes Neon-Kreuz einer Kirche bei Nacht über den Dächern und Lichtern eines Viertels in Seoul
Genau das: ein rotes Neonkreuz glüht in die Nacht – eines von unzähligen am Seouler Himmel. 🌃✝️

Die Antwort überrascht: Korea ist heute zu fast einem Drittel christlich. Rund ein Fünftel der Menschen ist protestantisch, etwa ein Zehntel katholisch – zusammen sind das mehr Christen als Buddhisten. Und Kirchen gibt es in erstaunlicher Zahl: allein über fünfzigtausend evangelische Gemeinden und Einrichtungen. Kein Wunder, dass die Kreuze am Nachthimmel die Tempel zahlenmäßig weit hinter sich lassen.

Woran die Koreaner glauben (grob, Zensus 2015):
56 %keine Religion
20 %protestantisch
(die roten Kreuze!)
16 %buddhistisch
8 %katholisch

Und jetzt das Entscheidende für unser rotes Leuchten: Die Neonkreuze am Himmel gehören fast alle zu protestantischen Gemeinden – sie sind geradezu deren Markenzeichen. Es gibt unzählige kleine evangelische Kirchen, oft in ganz normalen Wohn- und Geschäftshäusern, und jede setzt abends ihr rotes Kreuz aufs Dach. Die katholische Kirche dagegen – wie die stille Backsteinkirche, in der ich neulich war – ist kleiner, aber hoch angesehen: eigene, oft stattliche Gebäude und ein guter Ruf im sozialen Engagement. Sie leuchtet eben leiser. Das viele Rot am Nachthimmel ist also überwiegend evangelisch.

Das eigentlich Verblüffende ist, wie jung dieser Glaube hier ist. Der Katholizismus kam Ende des 18. Jahrhunderts – nicht durch Missionare, sondern durch koreanische Gelehrte, die ihn aus Peking mitbrachten. Die protestantischen Missionare folgten erst in den 1880er-Jahren; sie bauten die ersten modernen Schulen und Krankenhäuser des Landes. Richtig explodiert ist das Christentum dann nach dem Koreakrieg: In nur zwei Jahrzehnten, von den 1960ern bis in die 1980er, wuchs die Zahl der Protestanten von unter drei auf über zehn Millionen. In kaum mehr als hundert Jahren hat sich ein neuer Glaube ins Land gewebt.

Warum es so schnell Wurzeln schlug, hat viel mit Geschichte zu tun. Die Missionare brachten nicht nur ihren Glauben, sondern auch Bildung und Medizin – viele der ersten Schulen und Krankenhäuser des Landes, und gerade auch Schulen für Mädchen, gingen auf sie zurück. Während der japanischen Besatzung wurden die Kirchen zu Orten nationaler Selbstbehauptung; am Unabhängigkeitsaufruf von 1919 waren auffällig viele Christen beteiligt. Und nach dem Krieg, als Millionen Menschen ihre Dörfer verließen und in die wachsenden Städte strömten, boten die Gemeinden genau das, wonach sich Entwurzelte sehnen: Halt, Hoffnung und eine neue Gemeinschaft.

Und das größte Beispiel steht fast vor meiner neuen Haustür. Auf der Insel Yeouido, mitten in Seoul, wo ich jetzt wohne, liegt die Yoido Full Gospel Church – nach vielen Zählungen die größte christliche Gemeinde der Welt, mit Hunderttausenden Mitgliedern. Begonnen hat sie 1958, in einem einfachen Zelt.

Und doch führt der leuchtende Himmel ein wenig in die Irre. Fast die Hälfte der Koreaner gehört gar keiner Religion an; der sichtbare Glaube ist eher der einer kleinen, aber sehr inbrünstigen Minderheit. Nur: In einem Land, das grelle Leuchtschilder liebt, zeigen auch die Kirchen Flagge. Das Rot – die Farbe des Blutes Christi – leuchtet nachts wie ein Leuchtfeuer über den Dächern, weithin sichtbar, nicht zu übersehen.

So kann über ein und demselben Mond ein Hase Reiskuchen stampfen – und daneben ein rotes Kreuz glühen. Zwei Glaubenswelten, ein Himmel. Wer hätte das gedacht?

🕊️ Der Glaube

Wie leben in Korea so viele Religionen friedlich nebeneinander?

„Ein Koreaner kann christlich heiraten, die Ahnen konfuzianisch ehren, im buddhistischen Tempel Ruhe suchen – und vor der Hochzeit den Wahrsager befragen.“

Koreas vielschichtiger Glaube

Bei den roten Kreuzen haben wir ja nur einen einzigen Faden gesehen. Dabei ist der koreanische Himmel viel bunter: In ein und demselben Viertel kommt man an einem buddhistischen Tempel vorbei, an einem leuchtenden Kreuz, an einem konfuzianischen Ahnenschrein – und am Zelt eines Wahrsagers. Und das Erstaunliche ist: Sie streiten nicht miteinander. Sie leben nebeneinander – und oft sogar im selben Menschen.

Dabei würde man Korea gar nicht für besonders fromm halten. Knapp die Hälfte der Menschen gibt an, gar keiner Religion anzugehören. Vom Rest sind die meisten christlich (rund 29 %) oder buddhistisch (rund 23 %). Offiziell also ein eher weltliches Land – und doch ist Glaube überall. Wie passt das zusammen?

Die Antwort liegt in vier Strömungen, die sich über Jahrhunderte übereinandergelegt haben. Der Schamanismus ist die älteste, ursprünglich koreanische Schicht – der Glaube an Geister in Bergen, Flüssen und Ahnen. Dann kam vor rund 1600 Jahren der Buddhismus und schenkte dem Land seine schönsten Tempel und Kunstwerke. Der Konfuzianismus ist weniger Religion als ein Gesellschafts- und Moralsystem – er prägt bis heute den Respekt vor den Älteren, die Ahnenverehrung und die hohe Wertschätzung von Bildung. Und zuletzt, ganz jung, das Christentum mit seinen leuchtenden Kreuzen.

Schild der katholischen Sinsa-Peter-Kirche in Seoul vor dem Backsteinturm der Kirche
Der jüngste Faden im Glaubens-Mosaik: die katholische Sinsa-Peter-Kirche in Seoul. In Korea blüht ein überraschend lebendiges christliches Leben. ✝️

Das eigentlich Verblüffende: Korea hat die großen Religionskriege, die Europa zerrissen, nie erlebt. Die Glaubensrichtungen haben sich nicht bekämpft, sondern vermischt. Der koreanische Buddhismus hat den alten Schamanismus kurzerhand in sich aufgenommen – darum stehen die Tempel bis heute auf Bergen, und direkt neben der Buddha-Halle findet man oft ein kleines Schreinhäuschen für den Berggeist (산신). Buddha und der uralte Berggeist, Tür an Tür. Bei meinem eigenen Templestay im Hwagyesa, hoch am Fuß des Bukhansan, war genau das zu spüren: die tiefe Ruhe der Tempelhallen – und ringsum der alte Berg, dem die Menschen hier seit jeher mit Ehrfurcht begegnen.

Und so tragen viele Koreaner mehrere Glaubenswelten zugleich in sich, ganz ohne Widerspruch. Eine christliche Familie verbeugt sich zu Chuseok trotzdem vor den Ahnen. Jemand findet Ruhe im Tempel – und fragt vor Hochzeit, Firmengründung oder der großen Prüfung doch noch beim Wahrsager nach, ob der Zeitpunkt günstig ist. Glaube ist hier seltener ein „Entweder-oder" als ein „Sowohl-als-auch".

Nirgends zeigt sich das schöner als im Kalender: In Korea sind sowohl Buddhas Geburtstag als auch Weihnachten gesetzliche Feiertage. Das ganze Land hat im Frühling für den Buddha frei – und im Winter für Jesus. Zwei Religionen, ein freier Tag.

Selbst die Hälfte, die „keine Religion" ankreuzt, lebt also mitten in einer zutiefst religiös geprägten Kultur: der konfuzianische Respekt in der Familie, die buddhistischen Tempel als Nationalschätze, das schamanische Gespür, dass man dem Glück ein wenig nachhelfen kann, die Kirche als Gemeinschaft. Der Glaube sitzt hier weniger im Bekenntnis als im Alltag.

Ein Land, in dem sich Buddha, Konfuzius, Christus und die alten Berggeister denselben Himmel teilen – und oft dasselbe Herz. Wer hätte das gedacht?

🔮 Die Schamanen

Warum geht man im Hightech-Land Korea noch zum Wahrsager?

„Im Land der schnellsten Handys der Welt fragt man vor der Hochzeit noch immer die Sterne.“

Schamanen & Wahrsager im modernen Seoul

Auf dem Jongmyo-Schrein gibt es einen schmalen Steinweg nur für die Geister. Er hat mich daran erinnert, dass die älteste koreanische Religion von genau diesen Geistern handelt – und das ist keineswegs nur Vergangenheit. Mitten in einem der modernsten Länder der Erde, zwischen Wolkenkratzern und 5G-Netz, blühen Schamanismus und Wahrsagerei wie eh und je.

Die Zahlen sind verblüffend: Schätzungen zufolge arbeiten in Korea mehrere hunderttausend Schamaninnen und Wahrsager, es ist ein Milliardengeschäft, und allein offiziell registriert sind über 15.000 Wahrsage-Betriebe. Ganze Gassen und Viertel sind voll davon – rund um die Gangnam-Station, in den Studentenvierteln von Hongdae. Was bei uns eine Randerscheinung wäre, gehört hier zum Alltag.

Die älteste Schicht ist der Schamanismus (Muism): die Mudang, meist Frauen, die zwischen den Menschen und den Geistern vermitteln. Manchmal in aufwendigen Ritualen, dem Gut (굿) – mit Trommeln, Tanz und Trance –, um zu heilen, zu trösten oder die Toten in Frieden ziehen zu lassen. Es ist jene uralte Welt der Berggeister und Ahnen, die auch den Geisterweg im Schrein erklärt.

Viel alltäglicher aber ist die Wahrsagerei, vor allem das Saju (사주) – die „vier Säulen des Schicksals", gelesen aus dem genauen Tag und der Stunde deiner Geburt. An den großen Schwellen des Lebens fragt man es: vor einer Hochzeit (um zu prüfen, ob ein Paar zusammenpasst), bei der Namenswahl fürs Baby, beim Festlegen des Hochzeitstermins, vor einer Firmengründung, einem Umzug – ja sogar vor Prüfungen und Wahlen.

Und hier kehrt das „Sowohl-als-auch" aus der Glaubens-Geschichte zurück: Eine fromme Christin oder ein überzeugter Atheist lässt vor dem großen Ja vielleicht trotzdem leise das Saju deuten. Vielleicht ergibt das sogar Sinn. In einer Gesellschaft, die so viel verlangt, die so unerbittlich vergleicht und konkurriert, ist ein Blick aufs Schicksal auch ein Moment des Trostes – eine Art, die Last eines unsicheren, hart umkämpften Lebens leichter zu tragen.

Und es ist keineswegs nur etwas für abergläubische Großmütter. Auch im Geschäftsleben und in der Politik lässt so mancher vor wichtigen Entscheidungen einen Blick in die Zukunft werfen; sogar über Namen und Gründungstermine von Firmen oder die Erfolgsaussichten von Wahlkandidaten wird beraten. Und die Tradition reicht tief: Jahrhundertelang war die Schamanin jene Frau, zu der man ging, wenn Ärzte, Priester und sogar Könige nicht mehr weiterwussten – eine Hüterin von Trost und Rat, lange bevor es Psychologen und Therapeuten gab.

Und das Erstaunlichste: Es erfindet sich ständig neu. Junge Koreaner sitzen in gemütlichen Tarot-Cafés nahe den Unis, halb zum Spaß; eine Wahrsage-App hat über zehn Millionen Nutzer; und seit Kurzem gibt es sogar „KI-Schamanen", bei denen ein Avatar die Zukunft liest. Der älteste Glaube trifft auf die neueste Technik – und beide scheinen sich bestens zu verstehen.

Im Land des schnellsten Internets der Welt fragt man noch immer die Sterne, bevor man heiratet. Wer hätte das gedacht?

🐛 Der Engerling

Warum ist ein dicker Engerling in Korea ein kleiner Schatz?

Dicker heller Käfer-Engerling mit rötlichen Borsten auf einem Kiesweg in Korea
Mein geretteter Weggefährte: ein Engerling – in Korea der berühmte 굼벵이 (Gumbaengi).

Diese Geschichte beginnt ganz klein – mit einem Krabbeltier. Auf dem Gehweg zum Palast kroch heute ein dicker, heller Engerling mitten über den Stein, genau dort, wo ihn jeder Schritt hätte zertreten können. Aus Mitleid habe ich ihn vorsichtig aufgehoben und ins weiche Moos gesetzt. Eine kleine gute Tat – dachte ich. Erst später habe ich erfahren, wen ich da eigentlich gerettet hatte.

Es war die Larve eines Käfers – höchstwahrscheinlich die des Weißgefleckten Blütenkäfers (흰점박이꽃무지, Protaetia brevitarsis). Und die hat in Korea einen berühmten Namen: 굼벵이 (Gumbaengi). In diesem Land ist dieser Engerling alles andere als ein gewöhnliches Würmchen.

Denn seit Jahrhunderten gilt der Gumbaengi als geschätztes Mittel der traditionellen koreanischen Medizin. Er taucht schon in den alten Heilbüchern auf; überliefert wird seine Anwendung unter anderem für die Leber, die Durchblutung und die Erholung nach der Geburt. Ein unscheinbares Tierchen, dem man seit Generationen Heilkraft nachsagt.

Und heute erlebt er eine zweite Karriere: Korea hat den Gumbaengi offiziell als Lebensmittel zugelassen, und rund tausend Betriebe züchten ihn inzwischen. Getrocknet und zu Pulver gemahlen landet er in Nahrungsergänzung, Energieriegeln, sogar in Brot – ein eiweißreiches „Essen der Zukunft", gelobt für seine wertvollen Nährstoffe und seinen winzigen ökologischen Fußabdruck. Vom Volksheilmittel zum Superfood, sozusagen.

Überhaupt sind essbare Insekten in Korea alles andere als exotisch. Gekochte Seidenraupenpuppen – Beondegi (번데기) – gibt es seit Generationen als beliebten Straßensnack, dampfend aus großen Kesseln, mit ihrem ganz eigenen, erdigen Duft, der durch halbe Marktgassen zieht. In diese vertraute Tradition reiht sich der Gumbaengi mühelos ein – er ist nur der prominenteste unter mehreren offiziell zugelassenen Speiseinsekten des Landes.

Und dann noch eine wunderbare Kuriosität, die mich zum Schmunzeln gebracht hat: Dieser Engerling kriecht auf dem Rücken. Auf dem Bauch kommt er kaum voran – umgedreht aber gleitet er flink auf seinen kleinen Rückenborsten dahin. Mein „geretteter" Freund war also vermutlich quietschfidel und hat sich nur ganz normal kopfüber fortbewegt. 😄

Das Komischste kommt aber erst: Während ich mein Würmchen behutsam ins Moos trug, als wäre es das letzte seiner Art, lag genau dasselbe Tier wenige Straßen weiter vermutlich längst im Regal – getrocknet, gemahlen, sauber in Tütchen abgepackt, in einem Reformhaus oder einer der unzähligen Apotheken für traditionelle Medizin. Ich hätte mir meinen Gumbaengi also ganz bequem als Pulver kaufen können. Stattdessen habe ich das lebende Original aus dem Verkehr gezogen und in Sicherheit gebracht. 🌱

Mir gefällt dieser Moment so gut, gerade weil ich keine Ahnung hatte. Ein kleines Leben am Wegesrand – und darin steckt eine ganze Scheibe Korea: Medizin, Nahrung, Tradition und Zukunft, alles auf einmal. Manchmal findet man das Besondere eben genau da, wo man am wenigsten danach sucht. 🌿

Und es kommt noch schöner: Dieses tapsige Tierchen hat es sogar in ein koreanisches Sprichwort geschafft – 굼벵이도 구르는 재주가 있다, „Sogar ein Engerling hat das Talent, sich zu rollen". Gemeint ist: Wirklich jeder hat irgendeine Begabung, auch der, dem man am allerwenigsten zutraut. Ausgerechnet dieser unscheinbare Krabbler, der sich kopfüber auf dem Rücken fortbewegt, steht in Korea also sinnbildlich für verborgene Stärken und die Würde der kleinen Dinge. 🐛

Ich habe aus reinem Mitleid eine koreanische Delikatesse, eine Hausapotheke und ein lebendes Sprichwort ins Moos gesetzt. Wer hätte das gedacht?

🚦 Der Verkehr

Warum ist in Korea selbst der grüne Zebrastreifen kein sicherer Ort?

Geparkte Lieferroller am Rand einer ruhigen Seouler Seitengasse mit roten Backsteinhäusern
Kurze Ruhepause am Straßenrand: Lieferroller in einer Seouler Seitengasse – im Gewusel sonst die flinksten (und meistgefürchteten) Fahrzeuge der Stadt. 🛵

Grün heißt gehen? In Seoul heißt grün eher: Augen auf. Kaum trittst du auf den Zebrastreifen, biegt von rechts ein Auto ein, von links schießt ein Lieferroller über den Gehweg, dazwischen Jogger, Fahrräder und lautlose E-Tretroller – alle gleichzeitig, alle in Eile. Ich habe mich gefragt: Ist das wirklich so gefährlich, wie es sich anfühlt?

Die ehrliche Antwort: ein bisschen schon – zumindest war es das lange. Jahrelang hielt Korea eine traurige Spitzenposition: die höchste Fußgänger-Todesrate der gesamten OECD. Noch 2023 waren rund 35 Prozent aller Verkehrstoten Fußgänger – ein außergewöhnlich hoher Anteil. Wer hier zu Fuß geht, ist besonders gefährdet. Das mulmige Gefühl auf dem Zebrastreifen trügt also nicht ganz.

Der größte Schreckmoment hat meist zwei Räder und einen Thermobehälter hintendrauf: der Lieferroller. 🛵 Korea ist Weltmeister im Liefern – „palli-palli“, schnell-schnell –, und die Fahrer rasen im Akkord: über Gehwege, über rote Ampeln, mitten zwischen den Fußgängern hindurch. In manchen Jahren waren fast 60 Prozent der getöteten Motorradfahrer Lieferfahrer. Dazu kommen seit Kurzem die leisen Elektro-Tretroller, die aus dem Nichts auftauchen. Kein Wunder, dass man ständig meint, gleich umgefahren zu werden.

Und dann die Sache mit dem Abbiegen: Jahrzehntelang durften Autos an roten Ampeln einfach rechts abbiegen – quer über den Zebrastreifen, auf dem gerade Fußgänger bei Grün gingen. Genau dieser Moment, in dem Grün eben nicht Sicherheit bedeutet, war der gefährlichste. Allein im vergangenen Jahr starben bei rund 14.650 Rechtsabbiege-Unfällen 75 Menschen – die meisten davon Fußgänger.

Kurios ist dabei der Kontrast: Die Fußgänger selbst sind oft die diszipliniertesten der Welt. Bei Rot bleibt man brav stehen – auch nachts, auch wenn weit und breit kein Auto kommt –, und bei Grün strömt alles gleichzeitig los. Umso überraschender, dass die Gefahr nur selten von den Menschen zu Fuß ausgeht, sondern fast immer von dem, was auf Rädern an ihnen vorbeischießt.

Koreas Kampf gegen den Verkehrstod – in Zahlen:
~35 %der Verkehrstoten sind Fußgänger (2023) – einer der höchsten Werte der OECD
50/30km/h Tempolimit in der Stadt seit 2021 („Safe Speed 5030“)
−50 %Verkehrstote: 5.392 (2012) → 2.735 (2022)

Aber – und das ist das eigentlich Erstaunliche – Korea kämpft mit bemerkenswerter Konsequenz dagegen an. Seit April 2021 gilt „Safe Speed 5030“: 50 km/h auf Hauptstraßen, 30 in Wohnvierteln. Und seit 2023 müssen Autos vor dem Rechtsabbiegen vollständig anhalten, sobald ein Fußgänger den Zebrastreifen betritt – oder auch nur darauf zusteuert; sonst drohen bis zu 200.000 Won Bußgeld. Die Polizei kontrolliert das bis heute in regelmäßigen Schwerpunkt-Aktionen.

Und es wirkt: Die Zahl der Verkehrstoten hat sich halbiert – von 5.392 im Jahr 2012 auf 2.735 im Jahr 2022. Was von außen wie reines Chaos aussieht, ist in Wahrheit ein Land, das sein „Verkehrs-Wunder“ genauso methodisch angeht wie alles andere: mit Regeln, Technik und eiserner Disziplin. Der Verkehr ist noch wild – aber er wird Jahr für Jahr zahmer.

Für uns Fußgänger heißt das trotzdem: Augen auf, auch bei Grün. Erst nach links für das abbiegende Auto, dann nach rechts für den Lieferroller – und dann erst los. 😄 Mein kleiner Seoul-Reflex sitzt inzwischen ganz von allein.

In Korea schützt dich nicht die grüne Ampel, sondern dein eigener Rundumblick – und ein Land, das ganz nebenbei eines der größten Verkehrssicherheits-Wunder der Welt hinlegt. Wer hätte das gedacht?

🎥 Überwachung & Sicherheit

Warum fühlt man sich in Korea zugleich so sicher – und so beobachtet?

Ein Mast mit mehreren Überwachungskameras an einer Hauswand in Seoul
An manchen Masten hängen sie im halben Dutzend: Überwachungskameras gehören in Seoul so selbstverständlich zum Stadtbild wie Ampeln. 🎥

Mir ist etwas aufgefallen, das sich seltsam widersprüchlich anfühlt: Nirgends habe ich mich je so sicher bewegt wie in Seoul – und nirgends so beobachtet. Kameras an jeder Ecke, Notfallknöpfe auf der Toilette, Rettungsschwimmer am Meer, Schilder mit Uhrzeiten überall. Ist das nun Fürsorge oder Kontrolle?

Fangen wir bei den Kameras an. Seoul gilt – nach den Städten Chinas – als eine der am stärksten überwachten Städte der Welt. Je nach Zählung hängen hier zwischen 110.000 und über 240.000 öffentliche Kameras, also grob zwei Dutzend pro 1.000 Einwohner. Sie sollen Kriminalität verhindern und helfen tatsächlich oft, Fälle aufzuklären. Für mich als Europäerin ist diese Dichte erst einmal ungewohnt – für viele Koreaner ist sie schlicht ein gutes Gefühl.

Und die Bilder laufen nicht ins Leere: In fast jedem Stadtbezirk sitzt rund um die Uhr ein Team in einem „integrierten Überwachungszentrum" vor einer Wand voller Monitore, und viele private Laden-Kameras sind mit der Polizei vernetzt. Ein feinmaschiges Netz – praktisch, wenn ein Kind verlorengeht oder ein Dieb flieht; ein wenig beklemmend, wenn man an die eigene Privatsphäre denkt.

Gelber Notfallknopf „Emergency Bell / 비상벨“ mit Polizei-Alarmknopf auf einer öffentlichen Toilette
Auf vielen öffentlichen Toiletten: der Notfallknopf. Einmal drücken – und die Polizei rückt aus (Notruf 112).

Dieses gute Gefühl steckt auch hinter einem knallgelben Knopf, den ich auf einer öffentlichen Toilette entdeckt habe: einem Notfall-Alarm, direkt mit der Polizei verbunden. „Im Notfall drücken, dann kommt die Polizei." Solche Knöpfe wurden nach einem erschütternden Mordfall an einer Toilette nahe der Station Gangnam (2016) zu Tausenden installiert – vor allem für die Sicherheit von Frauen. (Und wer aus Spaß drückt, zahlt bis zu 600.000 Won Strafe.)

Und sie hängen längst nicht nur auf Toiletten: Auch mitten in dunklen Wohngassen stößt man auf sie, festgezurrt an Laternenmasten – sogar mit kleinem Mikrofon, damit man nach dem Drücken direkt mit der Leitstelle des Bezirks sprechen kann.

Roter Straßen-Notrufknopf „비상벨“ an einem Laternenmast in einer Seouler Wohngasse
Auch mitten in der Gasse: ein Straßen-Notrufknopf („비상벨" / Emergency Bell). Drücken, ins Mikrofon sprechen – der Bezirk hört zu. (Der Reiter darüber ist der Feldherr Gang Gam-chan, das Wahrzeichen des Bezirks Gwanak.)

Aber die koreanische Sicherheitskultur hört nicht bei Kameras und Knöpfen auf – sie reicht bis ins Wasser. 🌊

Rettungsturm am Strand von Haeundae mit Schild „Swimming Hours 09:00–18:00“ und einem Rettungsschwimmer
Baden nur zur vorgeschriebenen Zeit: „Swimming Hours 09:00–18:00". Darüber wacht ein Rettungsschwimmer vom Turm.

Am Meer darf man nämlich nicht einfach so schwimmen. Es gibt eine offizielle Badesaison (am berühmten Haeundae-Strand etwa von Ende Juni bis Mitte September) und feste Badezeiten, meist 9 bis 18 Uhr. Geschwommen wird nur innerhalb abgesteckter Netze, unter den Augen von Rettungsschwimmern. Außerhalb von Saison und Zeiten ist der Strand zwar offen – aber niemand bewacht das Wasser.

Strand von Haeundae mit Sonnenschirmen in Reih und Glied und einer abgesteckten Schwimmzone im Meer
Ordnung bis zur Wasserlinie: Sonnenschirme in Reih und Glied – und draußen schwimmt man nur innerhalb der abgesteckten Netze.

Und im Freibad? Da herrscht erst recht System. Eine Badekappe ist Pflicht – ausnahmslos, egal wie kurz die Haare sind. In den beliebten Schwimmbecken am Han-Fluss gilt zudem eine feste Pausen-Regel: etwa alle Stunde müssen für rund 15 Minuten alle aus dem Wasser, und zur Mittags- und Abendzeit ist ohnehin geschlossen. Erst dachte ich „wie streng!" – dann sah ich, wie entspannt und sicher Tausende gleichzeitig planschen konnten.

Großes Freibad am Han-Fluss mit vielen Badenden und der Skyline von Seoul im Hintergrund
Freibad am Han-Fluss: nur mit Badekappe – und etwa stündlich eine Zwangspause für alle.

Und hier liegt die Auflösung meines Widerspruchs. Was von außen wie lückenlose Kontrolle aussieht, verstehen viele Koreaner als etwas anderes: als Fürsorge. Dahinter steht das Wörtchen 우리 (uri) – „wir": Sicherheit ist kein privates Risiko, sondern eine gemeinsame Sache. Das Land passt aufeinander auf. Für mich, die ich mehr Freiheit – und mehr Privatsphäre – gewohnt bin, bleibt es ein zwiespältiges Gefühl, aber ein sehr sicheres.

In Seoul wird man auf Schritt und Tritt beobachtet – und fühlt sich gerade deshalb geborgen wie selten. Sicherheit und Überwachung sind hier zwei Seiten derselben Medaille. Wer hätte das gedacht?

🔌 Der Kabelsalat

Warum hängt über dem ordentlichen Seoul so ein wilder Kabel-Dschungel?

Strommast in Seoul mit mehreren Transformatoren und einem wilden Gewirr aus Strom- und Telefonkabeln
Dutzende Kabel, Knäuel und Schlaufen, dazwischen dicke Trafo-Töpfe: ein ganz normaler Strommast in einer Seouler Gasse. 🔌

Ich sitze im Café „Paul coffee", schaue aus dem Fenster – und über der stillen Gasse schwebt ein wildes Gewirr: Dutzende Kabel, Knäuel, Schlaufen, dazwischen dicke Trafo-Töpfe, alles kreuz und quer am Strommast. In einem Land, das sonst so pingelig auf Ordnung achtet, hat mich dieser Kabelsalat zum Schmunzeln gebracht. Wie passt das zusammen?

Das Erste, was man wissen muss: An so einem Mast hängt längst nicht nur der Strom. Hier teilen sich mehrere Firmen den Platz – der Stromversorger KEPCO und daneben sämtliche Telefon- und Internetanbieter (KT, SK, LG, Kabel-TV). Jeder zieht seine eigenen Leitungen, und über die Jahre wächst daraus ein dichtes Geflecht. Das Tückische: Alte, längst tote Kabel werden oft gar nicht erst abgenommen, sondern einfach hängen gelassen – ein „Geisterkabel"-Dschungel, bei dem keiner mehr weiß, welche Leitung noch Strom führt.

Dazu kommt Koreas Tempo. Nach dem Krieg wuchsen die Städte in Rekordzeit; das „Wunder am Han" brauchte schnell Strom und bald darauf das schnellste Internet der Welt. Oberirdische Leitungen sind billiger und viel schneller verlegt als unterirdische – also hängte man sie kurzerhand auf. Dass ausgerechnet das Hightech-Land mit dem besten Netz überm Kopf so einen Luftkabel-Dschungel hat, ist eine schöne Ironie. 😄

An manchen Masten ist das Bündel inzwischen so dick wie ein Baumstamm. Ganz harmlos ist das nicht: Bei Sturm oder Brand sind die offenliegenden Leitungen verwundbar, und ein einziger schmorender Strang kann ganze Straßenzüge lahmlegen. Darum schicken die Anbieter regelmäßig Trupps los, die in großen „Aufräum-Aktionen" die toten Geisterkabel wegschneiden – nur um wenig später festzustellen, dass längst neue dazugekommen sind.

Blick eine Seouler Wohnstraße hinunter, über die sich zahlreiche Stromkabel von Mast zu Mast spannen
Eine Gasse weiter dasselbe Bild: Kabel ziehen sich von Mast zu Mast über die ganze Straße – darüber der weite Himmel, darunter stiller Alltag.

Aber – typisch Korea – man räumt auf. Seoul vergräbt seine Leitungen seit Jahren systematisch unter der Erde. Inzwischen sind schon rund 62 Prozent der Seouler Leitungen unterirdisch – der höchste Wert des Landes –, und bis 2040 sollen es 68 Prozent werden. Mit den Kabeln verschwinden dann auch die Masten; in schicken Vierteln wie Gangnam sind ganze Straßen bereits „mast-frei".

Nur: Es geht langsam, denn das Vergraben ist teuer. Deshalb ist die Kluft groß – die glänzenden Hauptstraßen sind oft schon aufgeräumt, die kleinen Wohngassen (so wie meine hier vor dem Café) noch lange nicht. Und genau dort, in den Seitengassen, lebt der Kabelsalat munter weiter.

Seouler Geschäftsstraße mit rotem Pflaster, über die sich zahlreiche Stromkabel quer spannen
So sieht's in vielen Straßen aus: Kabel spannen sich quer von Haus zu Haus, über die ganze Gasse hinweg.

Mir gefällt dieser Anblick inzwischen richtig gut. Er erzählt nämlich eine ganze Geschichte: von einem Land, das so schnell nach oben wollte, dass keine Zeit blieb, die Kabel hübsch zu verstecken – und das nun, Gasse für Gasse, nachholt, was in der Eile liegen blieb. Ein bisschen Chaos über all der Ordnung. Fast ein wenig menschlich. 💛

Ausgerechnet im Land des schnellsten Internets hängt der Himmel voller Kabel-Knäuel – und keiner weiß mehr genau, welches davon noch Strom führt. Wer hätte das gedacht?

🩸 Die Blutgruppen

Warum fragt man dich in Korea nach deiner Blutgruppe?

Was deine Blutgruppe über dich verraten soll – angeblich! 😄
Asorgfältig, sensibel,
perfektionistisch
Bfrei, kreativ,
eigenwillig
Oselbstbewusst, gesellig,
der „Anführer"
ABrational, aber
ein bisschen exzentrisch

Eine der überraschendsten Fragen, die man in Korea gestellt bekommt, lautet nicht „Was ist dein Sternzeichen?", sondern: „Welche Blutgruppe hast du?" 🩸 Beim Kennenlernen, beim ersten Date, manchmal halb im Scherz – aber eben nicht nur. Ich dachte zuerst, es ginge um etwas Medizinisches. Weit gefehlt.

Denn in Korea – und ursprünglich in Japan – glauben viele, dass die Blutgruppe den Charakter eines Menschen prägt, ganz ähnlich wie bei uns das Horoskop. Und zu jeder Gruppe gehört ein kleines Klischee: Typ A gilt als gewissenhaft, feinfühlig und ein bisschen ängstlich; Typ B als frei, leidenschaftlich und eigensinnig; Typ O als selbstbewusst, warmherzig und geboren zum Anführen; Typ AB als klug, aber schwer durchschaubar – „Genie oder Sonderling".

Dabei sind manche Gruppen beliebter als andere: In Umfragen schneidet Typ O als Wunsch-Partner am besten ab, während Typ AB es am schwersten hat. Und besonders hart trifft es die „B-Typ-Männer": Ihnen eilt der Ruf voraus, launisch und egoistisch zu sein. Dieses Klischee war so bekannt, dass 2005 sogar ein Kinofilm darüber gedreht wurde – „Mein Freund ist Typ B". 😄

Es geht sogar noch weiter: Es gibt regelrechte „Verträglichkeits-Tabellen", welche Blutgruppen angeblich gut zueinanderpassen – ein O-Mann und eine A-Frau etwa sollen ein besonders harmonisches Paar abgeben. Dazu Blutgruppen-Sticker, -Tassen und Charaktertests in Zeitschriften. Wirklich bierernst nimmt das kaum jemand – aber als Gesprächsaufhänger ist es unbezahlbar: „Ach, du bist B? Das merkt man!" Es ist Smalltalk, Flirthilfe und Partyspiel in einem.

Woher kommt das alles? Die Idee stammt aus Japan vom Anfang des 20. Jahrhunderts – eine längst widerlegte Theorie, die in den 1970ern wiederbelebt wurde und dann nach Korea überschwappte. Eine Umfrage von 2004 ergab, dass rund drei Viertel der Koreaner daran glaubten. In den Steckbriefen von K-Pop-Stars steht die Blutgruppe bis heute wie selbstverständlich neben Größe und Sternzeichen, und sie taucht in Dating-Apps, Werbung und Smalltalk auf.

Wissenschaftlich ist natürlich nichts dran – kein seriöser Forscher findet einen Zusammenhang zwischen Blut und Charakter. Spannend ist nur ein Nebeneffekt: Studien zeigen, dass Menschen, die fest an „ihren" Typ glauben, sich mit der Zeit ein Stück weit *so* verhalten – eine kleine selbsterfüllende Prophezeiung. Weil die Klischees aber auch zu echter Schubladen-Denke führten, zogen koreanische Sender entsprechende TV-Formate ab 2008 nach und nach zurück.

Mich hat vor allem erheitert, wie ernst-verspielt das Ganze gehandhabt wird – ein Gesellschaftsspiel, ein Eisbrecher, ein Augenzwinkern, so wie bei uns „typisch Zwilling!". Nur musste ich erst einmal überlegen, ob ich meine eigene Blutgruppe überhaupt auswendig weiß. In Korea weiß die nämlich schon jedes Kind. 😊

„Welche Blutgruppe hast du?" ist hier keine Arztfrage, sondern die Frage nach deinem Charakter. Wer hätte das gedacht?

🐟 Die Fische

Warum wirbeln vor Seouls Restaurants Fische im Plastikfass?

Gestreifte Steinpicker-Fische (돌돔) schwimmen in einem durchsichtigen zylindrischen Plastikfass mit blauem Wasser vor einem Seouler Restaurant
Kein Aquarium, sondern die Speisekarte: gestreifte 돌돔 (Steinpicker) drehen ihre Runden in einem Plastikfass vor einem Seouler Restaurant. 🐟

An einer ganz normalen Seouler Straße, zwischen Klimageräten und blauen Transportkisten, stehen plötzlich große durchsichtige Plastikfässer – und darin drehen sich Fische. Keine Zierfische, sondern kräftige, handtellergroße Meeresfische, die in einem sprudelnden Dauerstrudel herumgewirbelt werden. Manche schwimmen, manche stehen reglos knapp unter der Oberfläche. Ich blieb stehen und dachte nur: Was um alles in der Welt machen die hier? 🐟

Die Antwort beginnt mit einem Wort: 활어회 (hwaleo-hoe), wörtlich „lebender-Fisch-roh". In Korea isst man rohen Fisch nämlich anders als in Japan. Japanisches Sashimi lässt den Fisch nach dem Töten oft einen Tag ruhen, damit er zart und aromatisch wird. Die koreanische Küche will das Gegenteil: den Fisch so frisch wie irgend möglich, am liebsten erst Sekunden vor dem Servieren getötet. Gefragt ist nicht das Aroma der Reife, sondern der Biss – dieses federnde, fast knackige 쫄깃쫄깃 (jjolgit-jjolgit) auf der Zunge. Und das gibt es nur, wenn der Fisch bis zuletzt lebt.

Deshalb schwimmt das Abendessen in Korea vor dem Restaurant – oder gleich auf dem Gehweg. Man sucht sich sein Tier aus, es wird herausgekeschert, und wenige Minuten später liegt es in hauchdünnen Scheiben auf dem Teller. Die Fässer sind also keine Dekoration und kein Schauaquarium: Sie sind die Speisekarte, lebendig.

Ein rosa-roter Rotbrassen-Fisch (참돔) schwimmt in einem Fass neben einer Säule aus aufsteigenden Luftblasen
Ein rosa-roter 참돔 (Rotbrasse) im Dauerstrudel: Die sprudelnden Luftsäulen halten das Wasser sauerstoffreich – für uns unruhig, für den Fisch die Luft zum Atmen.

Wer genau da schwimmt, lässt sich an den Mustern ablesen. Die kräftig schwarz-silbern gestreiften sind 돌돔 (dol-dom), der Steinpicker – ein scheuer Riff-Fisch, der als besonders fein und entsprechend teuer gilt. Der rosa-rote Kollege im Nachbarfass ist ein 참돔 (cham-dom), die Rotbrasse, in Korea der klassische Festtags- und Glücksfisch. Beides sind Tiere, die eigentlich in der weiten, stillen Tiefe des Meeres zu Hause sind.

Und genau das erklärt die Blasen. So ein Fass fasst viele Fische auf engstem Raum, dazu Straßenwärme und Sonne – da wird der Sauerstoff schnell knapp. Die sprudelnden Luftsäulen und die künstliche Strömung halten das Wasser atembar; beim Transport über Land arbeiten die Händler sogar mit Flüssigsauerstoff aus Druckflaschen. Der Strudel, der für uns so unruhig aussieht, ist für die Fische schlicht die Luft zum Atmen.

Für ein westliches Auge hat das trotzdem etwas Beklemmendes. Fische, die für kilometerweite Tiefen gebaut sind, drehen hier ihre engen Runden im Kunststofffass, und der eine oder andere hat den Kampf schon aufgegeben und treibt still an der Oberfläche. Ich will das gar nicht beschönigen – es ist ein harter Anblick. Zugleich ist es eine jahrhundertealte Esskultur, in der maximale Frische als eine Form von Respekt vor dem Tier gilt: nichts liegt tagelang herum, nichts wird weggeworfen. Zwei Weltbilder prallen hier an einer Fasskante aufeinander.

Ich stand eine ganze Weile davor, zählte die Streifen auf den Flanken der 돌돔 und ertappte mich dabei, wie ich einem einzelnen Fisch beim Kreisen zusah. In Deutschland liegt mein Fisch längst filetiert auf Eis, wenn ich ihm begegne. Hier sehe ich ihn atmen, bevor ich entscheide. Das ist ehrlicher – und schwerer auszuhalten.

Was vor dem Restaurant wie ein kurioses Straßenaquarium aussieht, ist in Wahrheit die frischeste Speisekarte der Stadt: Fische, denen man beim Atmen zusieht. Wer hätte das gedacht?

🍞 Das Frühstück

Warum gibt es in Korea kein richtiges Frühstück – und kein richtiges Brot?

Wer in Korea das Frühstück auslässt (an mind. 5 Tagen pro Woche)
28 %Teenager
noch 2016
44 %Teenager
2024
55 %Männer
20–29 (2022)
63 %Frauen
20–29 (2022)

In Korea fängt der Tag anders an, als ich es kenne. Kein Körbchen mit Brötchen, kein Aufschnitt, keine Marmelade, kein gemütliches langes Frühstück. „Brot wie bei uns" sucht man vergeblich – und was in den Bäckereien liegt, schmeckt alles irgendwie zu süß. Irgendwann dachte ich nur noch augenzwinkernd: Vielleicht essen hier alle einfach nur Mittag. 🍞

Fangen wir beim Brot an, denn das war mein erstes Rätsel. Bäckereien gibt es an jeder Ecke – große Ketten wie Paris Baguette und Tous les Jours, dazu unzählige kleine. Aber was dort in den Regalen liegt, ist weich, fluffig und meistens süß: Milchbrot, Brötchen mit roter Bohnenpaste, Sahne, Süßkartoffel oder Mais – sogar das „Knoblauchbrot" ist gezuckert. Krustiges, herzhaftes Sauerteig- oder Roggenbrot? Fehlanzeige, jedenfalls fast.

Der Grund liegt in der Geschichte. Brot kam erst spät nach Korea – im großen Stil in den 1980ern, mit Paris Baguette: französisch inspiriert, aber von Anfang an an den koreanischen Geschmack angepasst. Und Backwerk gehört hier bis heute nicht zur Mahlzeit, sondern zur Welt der Süßigkeiten und Cafés. Brot ist kein Grundnahrungsmittel, sondern ein naher Verwandter des Kuchens – etwas für zwischendurch, zum Kaffee. Mein Eindruck „zu süß" war also kein Zufall, sondern Absicht.

Wenn aber kein Brot – was isst man dann morgens? Die überraschende Antwort: dasselbe wie mittags und abends. Ein traditionelles koreanisches Frühstück kennt gar keine eigene Kategorie „Frühstücksessen". Es gibt eine Schale Reis (밥), eine Suppe oder einen Eintopf (국 oder 찌개), Kimchi und ein paar kleine Beilagen (Banchan), vielleicht noch gegrillten Fisch. Kein Müsli, kein Toast, kein Ei im Eierbecher – sondern eine warme Mahlzeit, die aussieht wie das Mittagessen, nur eben am Morgen.

Und jetzt kommt das Lustige: Immer weniger Koreaner essen dieses Frühstück überhaupt. Das Auslassen des Frühstücks ist weit verbreitet – und steigt Jahr für Jahr. Bei Teenagern lassen inzwischen rund 44 % das Frühstück an mindestens fünf Tagen die Woche aus (2016 waren es noch 28 %). Noch deutlicher bei den Zwanzigern: Bis 2022 frühstückten gut die Hälfte der Männer und fast zwei Drittel der Frauen in ihren Zwanzigern regelmäßig gar nicht mehr. Mein Scherz – „die essen nur Mittag" – ist für die junge Generation also halb schon Wirklichkeit.

Die Gründe klingen sehr koreanisch: palli-palli – schnell, schnell – am Morgen, Arbeits- und Lernzeiten bis spät in die Nacht, weite Pendelwege, dazu der Wunsch, schlank zu bleiben. Statt Reis und Suppe gibt es dann einen Iced Americano auf dem Weg zur U-Bahn. Und das süße Bäckerei-Brötchen? Das wird, wenn überhaupt, später am Tag zum Kaffee vernascht – nicht zum Start in den Tag.

Für mich als Deutsche war das eine kleine Umstellung. Das lange Frühstück mit Brot, Käse und Wurst, dieser ruhige Auftakt des Tages – den gibt es hier so nicht. Entweder beginnt der Tag mit einer warmen Mahlzeit, die wie ein Mittagessen aussieht, oder er beginnt mit – nichts. Und das Brot, das ich suchte, ist in Wahrheit ein Dessert, das sich nur als Frühstück verkleidet hatte.

In Korea gibt es kein Frühstück wie bei uns – kein Brot, keinen Aufschnitt, keinen langsamen Morgen. Entweder isst man schon frühmorgens quasi zu Mittag, oder man lässt den Morgen ganz aus. Wer hätte das gedacht?

👟 Die Schuhe

Warum zieht man in Korea die Schuhe aus – und warum trägt draußen jeder Crocs?

Füße nebeneinander auf einer Sitzbank in der Seouler U-Bahn: schwarze Sneaker, Loafer, weiße Gummi-Regenstiefel und weitere Sneaker, dazu angelehnte Regenschirme
Eine Bank in der Seouler U-Bahn: Sneaker, Loafer, weiße Gummistiefel – und doch kommen sie alle gleich aus, sobald ihre Besitzer eine Wohnung betreten.

In der U-Bahn schaue ich manchmal einfach auf die Füße. Auf einer einzigen Bank reihen sich schwarze Sneaker, glänzende Loafer, weiße Gummistiefel – jedes Paar erzählt eine andere Geschichte. Und doch haben sie alle etwas gemeinsam: Sobald ihre Besitzer gleich nach Hause kommen, kommen sie alle aus. Schuhe im Haus? Undenkbar. 👟

Dass man in Korea an der Tür die Schuhe auszieht, wusste ich. Aber warum eigentlich so selbstverständlich, so ausnahmslos? Die Antwort liegt – im Boden. Koreas Häuser werden seit jeher mit dem Ondol (온돌) beheizt, einer Fußbodenheizung, die so alt ist, dass man ihre Spuren schon in Ausgrabungen aus grauer Vorzeit findet. Früher leitete man die Wärme des Küchenofens durch Kanäle unter dem Steinboden, heute laufen warme Wasserrohre darunter. Das Prinzip ist dasselbe geblieben: Nicht die Luft wird geheizt, sondern der Boden.

Und wenn der Boden warm ist, lebt man auf ihm. Man sitzt auf dem Boden, isst am niedrigen Tisch, schläft auf einer Matte direkt auf der warmen Fläche – viele Koreaner ziehen den Boden bis heute dem Sofa vor. Ein Boden aber, auf dem man sitzt und schläft, muss blitzsauber sein. Also bleibt der Straßenschmutz draußen. An der Tür gibt es dafür einen eigenen Ort: den Hyeongwan (현관), einen kleinen, etwas tiefer gelegten Vorraum, in dem die Schuhe stehen bleiben. Drinnen geht man dann auf Socken oder barfuß; Hausschuhe sind eher die Ausnahme.

Diese kleine Grenze zwischen „draußen" und „drinnen" zieht sich durchs ganze Land. In Restaurants mit Sitzpodesten stellt man die Schuhe ins Regal und bekommt Pantoffeln. In der Sauna, im Jjimjilbang, oft im Büro – überall derselbe kurze Moment an der Schwelle. Im Tempel kommen die Schuhe vor der Halle aus, und in vielen Schulen haben die Kinder eigene Hallenschuhe (실내화), die den ganzen Tag drinnen bleiben. Der Schuh ist hier eine Art Türsteher: Was er an Staub mitbringt, bleibt vor der Schwelle.

Umso überraschender, was draußen an den Füßen passiert – denn da wird es bunt und laut. Allen voran: Crocs. 🐊 Die löchrigen Gummischuhe sind hier ein echtes Phänomen, befeuert von K-Pop-Idolen – von BLACKPINKs Jisoo bis ATEEZ' Wooyoung – und von den „Jibbitz", den kleinen Ansteckern, mit denen jeder sein Paar ganz persönlich verziert. Und eigentlich ist das nur konsequent: In einem Land, in dem man den ganzen Tag in Schuhe schlüpft und wieder herausspringt, ist ein Schuh, den man mit einem einzigen Tritt loswird, die perfekte Erfindung.

Am schönsten aber sind die Allerkleinsten unterwegs. Koreas Kleinkinder tragen oft sogenannte „삑삑이-Schuhe" (ppik-ppik-i) – Schuhe, die bei jedem Schritt laut quietschen. Das hat gleich zwei Gründe: Zum einen hören die Eltern sofort, wo ihr Kind gerade hintrippelt, auch im größten Gewühl. Zum anderen finden die Kleinen das Quietschen so lustig, dass sie freiwillig immer weiterlaufen – ein eingebauter Motivator fürs Laufenlernen. Dazu blinken bei vielen Kinderschuhen noch bunte Lichter in der Sohle. Nicht jeder findet den Dauer-Piepton im Bus charmant – aber zum Stadtbild gehört er längst.

So führt der Schuh in Korea ein Doppelleben: Drinnen verschwindet er wortlos an der Schwelle, damit der warme Boden sauber bleibt. Draußen quietscht er, blinkt er und funkelt vor Ansteckern. Drinnen aus, draußen bunt und laut. Wer hätte das gedacht?

🚇 Die U-Bahn

Wie viele Stockwerke geht Seoul unter die Erde – und wie viel Leben ist da unten?

Lange Reihe von U-Bahn-Sperren an einem Umsteigebahnhof in Seoul, darüber bunte Schilder für Linie 8 (pink) und Linie 2 (grün), seitlich leuchtende Läden
Ein Umsteigebahnhof, wo die pinke Linie 8 auf die grüne Linie 2 trifft – und neben den Sperren schon die ersten Läden leuchten.

Ich stehe vor den Sperren und schaue auf die Schilder: pink die 8, grün die 2, und überall Pfeile in alle Richtungen. 🚇 Aber was mich wirklich staunen lässt, ist nicht das Liniengewirr – sondern der Gedanke, dass unter mir nicht bloß ein Bahnsteig liegt, sondern Etage um Etage. Und dass dort unten, tief unter der Straße, ein ganzes Leben stattfindet: Läden, Licht, Menschen. Wie viele Stockwerke geht es eigentlich hinab – und wie viel Welt ist da unten?

Erst einmal zum Gewirr an der Decke: Seouls U-Bahn gehört zu den längsten und meistgenutzten Netzen der Welt, über zwanzig Linien, jede in ihrer eigenen Farbe. Genau da, wo ich stehe, kreuzt die pinke Linie 8 die grüne Linie 2. Um so viele Strecken unter eine dicht bebaute Millionenstadt und unter den breiten Han-Fluss zu fädeln, mussten die Ingenieure tief graben – und die Ebenen stapeln.

Und tief heißt wirklich tief. Die Station Yeouinaru (Linie 5) taucht unter den Han-Fluss hinab und gilt als eine der tiefsten des Landes – der Bahnsteig liegt Dutzende Meter unter der Erde. Noksapyeong (Linie 6) wurde mit fünf Ebenen rund 34 Meter in den Boden gegraben. Viele Umsteigebahnhöfe sind wie Hochhäuser, die man nach unten gebaut hat: oben die Sperren, dann Rolltreppe um Rolltreppe immer tiefer, bis endlich der Bahnsteig kommt. Und die neuen Express-Linien, die gerade entstehen, reichen noch viel weiter hinunter.

Warum das Ganze? Wer spät baut, muss unter allem Älteren hindurch – unter Straßen, Leitungen, den anderen Linien und dem Fluss. Also bohrt man sich Stockwerk für Stockwerk in die Tiefe. Ein angenehmer Nebeneffekt: Die tiefen Tunnel taugen im Ernstfall auch als Schutzraum.

Das Schönste aber ist genau das, was dich gewundert hat: das Leben da unten. Die Seouler U-Bahn ist nicht nur Verkehr, sie ist eine zweite Stadt. Am Express Bus Terminal zieht sich die „GOTO Mall" als rund 880 Meter lange unterirdische Einkaufsstraße mit etwa 630 Läden dahin. Man kann unter der Erde einkaufen, essen, Kaffee trinken – und tatsächlich sogar zum Arzt gehen, ohne je ans Tageslicht zu müssen. Bäckereien duften, Straßenmusiker spielen, Convenience-Stores leuchten rund um die Uhr; viele Stationen führen direkt in Kaufhäuser und Einkaufszentren hinein. Im Winter ist es da unten warm, im Sommer kühl – man bleibt gern ein Weilchen. Sogar kleine Spielhallen mit Greifautomaten blinken neben den Sperren, genau wie auf meinem Foto, wo gleich hinter den Schranken schon die Lichter angehen – während der lange Gang sich im Dämmerlicht verliert.

Und so fügt sich beides zusammen: Über meinem Kopf das bunte Gewirr der Linien, unter meinen Füßen eine ganze Welt, die atmet, isst und einkauft. Seoul hat sich einfach ein zweites Stockwerk gebaut – nur eben nach unten.

Wer hätte gedacht, dass unter den Straßen Seouls eine zweite Stadt liegt – Ebene um Ebene in die Tiefe, mit Läden, Licht und Leben? Man steigt hier nicht einfach in die U-Bahn. Man taucht in eine zweite Stadt. Wer hätte das gedacht?

♨️ Das Jjimjilbang

Was passiert eigentlich die ganze Nacht im Jjimjilbang?

Illustrierte Szene in einem koreanischen Jjimjilbang: zwei lachende Gäste mit zu Schäfchen gewickelten Handtüchern auf dem Kopf, ein Korb gekochter Eier, eine Flasche Sikhye, im Hintergrund gewölbte Schwitzräume und ruhende Menschen
Illustration: eine typische Jjimjilbang-Szene – Schäfchen-Handtücher, gekochte Eier und süßer Reistrunk Sikhye, dahinter die verschiedenen Schwitzräume.

Abends leuchten sie an jeder Ecke: blau-weiße Schilder, auf denen „사우나 · 찜질방 · 24시" steht – Sauna, Jjimjilbang, 24 Stunden. ♨️ Ich bin einfach neugierig geworden: Was passiert da drinnen eigentlich die ganze Nacht? Und warum lieben die Koreaner diesen Ort so sehr?

Ein Jjimjilbang (찜질방) ist ein Bade- und Schwitzhaus, viele davon rund um die Uhr geöffnet. Zuerst kommt der nach Geschlechtern getrennte Badebereich: heiße Becken, Dampf, das gründliche Abschrubben – und ja, dort ist man nackt. Das eigentliche Herz aber ist der große gemischte Gemeinschaftsraum, in den alle in demselben lockeren Baumwoll-Anzug kommen (rosa oder blau). Hier liegen Familien, Paare und Freunde auf dem warmen Boden, schauen Fernsehen, dösen. Der Name sagt es wörtlich: 찜질방 heißt „Schwitz-Raum".

Und davon gibt es gleich mehrere, jeder anders geheizt und ausgekleidet: das 황토방 (Lehm/Hwangto), das 소금방 voller Salz, das glühend heiße 불가마 (Holzkohle-Kiln) – und zum Abkühlen oft ein eisiges 얼음방. Man wandert von Raum zu Raum: schwitzen, abkühlen, wieder schwitzen.

Dazu gehört der unverwechselbare Look: Man wickelt sein Handtuch zu einem „Schäfchen" (양머리, yangmeori) und setzt es sich auf den Kopf – berühmt geworden durch eine Fernsehserie von 2005. Und der klassische Snack: Eier, die in den heißen Räumen so lange garen, bis das Weiße bräunlich und nussig wird, dazu eiskalter, süßer Reistrunk Sikhye (식혜). Ei schälen, hineinbeißen, Sikhye trinken – ein kleines Ritual für sich.

Dabei ist das Ganze viel älter, als es aussieht. Die Kiln-Sauna Hanjeungmak (한증막) taucht schon im 15. Jahrhundert in den Annalen von König Sejong auf – betrieben von buddhistischen Mönchen, sogar als Heilmittel; die Trennung nach Geschlechtern kam 1429. Das moderne Jjimjilbang entstand dann in den 1990ern, indem man die alten Badehäuser mit den Schwitz-Kilns verband und Schlafbereiche und Unterhaltung dazunahm. Über die K-Dramen ging das Bild dann um die Welt.

Und genau hier liegt der eigentliche Zauber: Es ist günstig, warm und die Nacht hindurch offen. Wer den letzten Zug verpasst hat, spät gearbeitet hat oder einfach einen gemütlichen Ort sucht, schläft für ein paar Won auf dem warmen Boden. Familien verbringen dort einen ganzen faulen Tag, und für Rucksackreisende ist es das günstigste Hotel der Stadt. In einem abgedunkelten Ruheraum liegen dann Fremde nebeneinander auf Matten und schlafen – selbstverständlich und ganz ohne Scheu. Wohnzimmer, Spa und Hotel in einem.

Nur: Sie werden weniger. Die Zahl der Badehäuser in Korea sank von rund 8.900 (2000) auf etwa 5.650 (2025) – eigene Bäder in jeder Wohnung, hohe Heizkosten, dazu die Pandemie. Vor allem die kleinen Nachbarschafts-Bäder schließen; die großen städtischen Jjimjilbang, von jungen Leuten und Reisenden geliebt, halten sich.

Wer hätte gedacht, dass hinter einem leuchtenden „24시"-Schild eine ganze warme Welt steckt – mit einem Schäfchen auf dem Kopf, Eiern aus dem Ofen und einem Boden, auf dem man die Nacht verbringen darf? In Korea geht man nicht einfach baden. Man zieht sich um, wickelt sich ein Schäfchen und bleibt. Wer hätte das gedacht?

💛 Die Freundlichkeit

Warum sind die Koreaner so hilfsbereit – selbst wenn sie kein Wort verstehen?

„Auch wenn sie die Sprache nicht verstehen, sind sie sehr bemüht zu helfen.“

Unsere Erfahrung, Tag für Tag in Korea

Amy bekommt ständig etwas geschenkt: Kekse, Bonbons, ein Kompliment im Vorbeigehen. Als ich einmal verzweifelt einen Geldautomaten suchte, wurde mir auf das Freundlichste geholfen. Und einmal bot eine alte Dame einfach an, Amys schweren Koffer für sie zu ziehen. 😊 Immer wieder erlebe ich dasselbe: Selbst wenn man die Sprache gar nicht teilt, sind die Menschen hier rührend bemüht zu helfen. Woher kommt diese Wärme?

Natürlich gibt es auch die berühmte koreanische Service-Höflichkeit. Aber was mir begegnet, ist mehr als das – es wirkt nicht wie Pflicht, sondern wie ein Bedürfnis. Und tatsächlich hat die koreanische Sprache dafür ein eigenes Wort, das sich kaum übersetzen lässt: 정 (Jeong).

Jeong ist nicht romantische Liebe und nicht bloße Nettigkeit. Es ist eine warme, gewachsene Verbundenheit zwischen Menschen – ein Gefühl, das ganz von selbst den Wunsch mitbringt, etwas für den anderen zu tun. Es entsteht langsam, durch gemeinsame Zeit und viele kleine Gesten, und es gilt nicht nur der Familie, sondern auch Nachbarn, Kollegen, Fremden, sogar Orten und Dingen. Fachleute führen seine Wurzeln bis zum buddhistischen Gedanken der Verbundenheit allen Seins zurück.

Dazu kommt ein zweites Herzstück: 우리 (uri), das Wort für „wir" und „unser". Koreaner sagen nicht „mein Land", sondern „unser Land", nicht „meine Mutter", sondern „unsere Mutter". Das Ich ist hier von Haus aus in ein Wir eingebettet. Und wer einmal in dieses Wir hineinrutscht – als Gast, als Kind, als jemand, der sichtlich nicht weiterweiß –, bekommt die Wärme der Gruppe, nicht die kühle Distanz dem Fremden gegenüber.

Das erklärt die Kekse für Amy: Ein Kind gehört selbstverständlich zu „uns" allen – ihm etwas zuzustecken, ist keine Höflichkeit, sondern Reflex. Gerade die älteren Menschen haben für ein Kind immer ein Lächeln, ein Bonbon, ein freundliches Wort übrig. Und es erklärt die Hilfe trotz Sprachbarriere. Hinzu kommt das feine Gespür 눈치 (nunchi), die Kunst, zu bemerken, was der andere gerade braucht, ohne dass er es sagen muss. Jemand sieht meine Ratlosigkeit am Geldautomaten – und zu helfen ist dann kein Gefallen, sondern das Nächstliegende. Die alte Dame bot keinen Dienst an; sie konnte einer Großmutter beim Schleppen schlicht nicht zusehen.

Vielleicht ist das Schönste daran, dass Jeong nicht aus großen Gesten entsteht, sondern aus tausend kleinen: einem nachgefüllten Beilagenschälchen, einem Platz, den jemand freimacht, einem Bonbon, das in eine Kinderhand wandert. Man sammelt es, fast unbemerkt, von Tag zu Tag. Und vielleicht spüre ich gerade jetzt, in unserer Abschiedswoche, am deutlichsten, wie viel sich davon angesammelt hat: Jeong macht das Ankommen leicht – und das Abschiednehmen schwer.

Wer hätte gedacht, dass hinter den Keksen für Amy, der alten Dame am Koffer und dem Fremden, der mich zum Geldautomaten brachte, ein einziges kleines Wort steckt – 정, die warme Verbundenheit, die keinen gemeinsamen Satz braucht? Man muss die Sprache nicht teilen, um „wir" zu sein. Wer hätte das gedacht?

Fortsetzung folgt – Korea gibt noch viel her. 🇰🇷
← Zurück zu allen Ländern